Bibel und Weisheit II
Warum wurden immer mehr und mehr die drei ersten Evangelisten die geschätzten und der Schreiber des Johannes-Evangeliums der bloße Lyriker und Bekenntnisschreiber? Weil man sich sagen konnte, die drei ersten Evangelisten, die Synoptiker, schildern eine ideale Menschenfigur, aber immer etwas, welches, wenn auch hoch, doch nicht darüber hinausragt. Es schmeichelt dem modernen Sinn, wenn gesagt wird, was ein moderner Theologe gesagt hat: Wenn wir abziehen von dem Jesus von Nazareth alles Übersinnliche und Spirituelle, wenn wir den schlichten Mann von Nazareth nehmen, dann sind wir dem Jesu am nächsten. — Das geht bei dem Johannes-Evangelium nicht an. Es beginnt gleich mit den Worten: Im Urbeginne war der Logos, das Wort. Und das Wort, das im Urbeginne bei Gott war, das war, bevor es eine materielle Welt gab. Was da war in allen geistigen Urgründen, das ist Fleisch geworden, das hat gewandelt im Beginne unserer Zeitrechnung in Palästina. Die höchste Weisheit wendet der Schreiber des Johannes-Evangeliums an, um dieses Ereignis zu verstehen und zum Verständnis zu bringen. Gegenüber dieser Sache geht es nicht an, von dem schlichten Mann von Nazareth zu sprechen. Daher durfte er niemals mit einer historischen Urkunde zu tun haben. Es sind also nicht allein wissenschaftliche Gründe, es ist die Entwickelung der gewöhnlichen Gedanken, Gefühle und Empfindungen, die ihren Ausdruck gefunden haben in dem, was heute als Bibelkritik des Neuen Testamentes, was als sogenannte historische Forschung den Anspruch darauf macht, unbedingte oder wenigstens relative Autorität über diese Dinge zu haben.