Die unsichtbaren Glieder der Menschennatur und das praktische Leben
Wenn von der praktischen Bedeutung des Unsichtbaren, besonders des Unsichtbaren in des Menschen eigenem Wesen die Rede sein soll, so darf vielleicht durch einen Vergleich veranschaulicht werden, was gemeint ist. Praktisch sind diejenigen Menschen zu nennen, welche ihren Blick, ihre Anschauung auf die übersinnliche Anschauung des Daseins lenken, und unpraktisch diejenigen, die beim bloß Äußerlichen stehenbleiben wollen, beim bloßen Physischen. Ist der eigentlich der wahre Praktiker, der vor sich liegen hat ein zu einem Magneten zugerichtetes, hufeisenförmiges Eisen,und der dann dieses Ding verwendet zu irgend etwas, wozu es ihm brauchbar erscheint nach dem äußeren Augenschein? Oder ist ein solcher Mensch nicht im wahren Sinn des Wortes unpraktisch zu nennen, und praktisch allein der, der sich sagt: In diesem Stück Eisen ruht etwas, was mir eine viel höhere, edlere Anwendung möglich macht, als der bloße Sinnenschein vermuten läßt. — Das ist freilich nur ein Vergleich, denn wir dürfen die höheren Kräfte, von denen heute die Rede sein soll, nicht mit irgendeiner Naturkraft vergleichen. Aber praktisch ist nur der, welcher die inneren Kräfte aus den Dingen heraussucht und die Dinge nach ihren wahren Werten gebrauchen kann. Gegenüber denen, die von einem gewissen praktischen Sinne sich leiten lassen, könnte man J. G. Fichtes Wort von der praktischen Bedeutung der Ideale anführen. Fichte versuchte, die Bestimmung des Menschen an hohen Idealen zu erläutern. In der Einleitung zu den Vorlesungen über «Die Bestimmung des Gelehrten» verwahrt er sich von vornherein dagegen, als ob jemand, der von solchen hohen idealistischen Standpunkten aus spricht, nicht wüßte, was dagegen eingewandt werden kann, nämlich, daß Ideale nicht unmittelbar im praktischen Leben dargestellt werden können. Das wissen die, welche diese Ideale aufstellen, vielleicht besser als die Gegner. «Wir behaupten nur, daß nach ihnen die Wirklichkeit beurteilt, und von denen, die dazu Kraft in sich fühlen, modifiziert werden müsse. Gesetzt, sie könnten auch davon sich nicht überzeugen, so verlieren sie dabei, nachdem sie einmal sind, was sie sind, sehr wenig; und die Menschheit verliert nichts dabei. Es wird dadurch bloß das klar, daß nur auf sie nicht im Plane der Veredlung der Menschheit gerechnet ist. Diese wird ihren Weg ohne Zweifel fortsetzen; über jene wolle die gütige Natur walten und ihnen zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein, zuträgliche Nahrung und ungestörter Umlauf der Säfte und dabei - kluge Gedanken verleihen!»