Die unsichtbaren Glieder der Menschennatur und das praktische Leben
Nun wollen wir einmal die Kehrseite betrachten. Es gibt heute vernünftige Mediziner, die sich sagen, man müsse sich an die Seele des Menschen wenden, wenn man wissen wolle, wie der Mensch in gewisser Beziehung untauglich wird. Diese Mediziner wissen, daß Freude und Lust Heilmittel sind, daß sie gesundend wirken, daß sie das, was verholzt und verknöchert ist, wieder aufweichen, wieder in unsere Gewalt bringen. Aber das ist nicht genug, gerade so wenig, wie es genügt, wenn jemand sagt, das verborgene Geheimnis muß losgelöst werden von der Seele des Menschen. Sie wissen nicht, daß alles, was ein Erlebnis des Innern ist, doch seine große Bedeutung hat, wenn es auch verkehrt auftritt. Sollen wir alles Geheimnisvolle in der Menschennatur aufheben, weil es bei manchen Menschen verkehrt wirkt? Sollen wir etwa, wie es da und dort gefordert wird, die Ärzte zu Beichtvätern machen? Es kann auch unendlich gesundend für die Seele sein, wenn sie in der Lage ist, den Schleier des Geheimnisses über manche Dinge zu ziehen. Ein persischer Spruch sagt: Die Zeit, die man zum schweigenden Nachdenken verwendet, bevor man etwas sagt, die erspart man in bezug auf die Zeit der Reue über das, was man unbedacht gesagt hat! Goethe hat nicht umsonst das Wort vom «offenbaren Geheimnis» gesprochen. In allem Sinnlichen, das uns umgibt, können wir etwas sehen an Geheimnisvollem, etwas, das so tief in den Dingen liegt, daß man es nicht aussprechen kann, das aber auch so von Seele zu Seele flutet. Und Gesundheit breitet sich aus, wenn der Mensch so das Geheimnis des Lebens fühlen kann.