Die europäischen Mysterien und ihre Eingeweihten
Da hinein fiel der starke Christus-Impuls, der hier stärker wirken konnte als sonstwo, die Kunde, daß ein höchstes Geistiges, das Christus-Prinzip, in einem irdischen Leibe gelebt hat, unter Menschen vorhanden war, daß alles das, was man in den Mysterien erleben kann, historische Tatsache ist in dem Christus-Ereignis. In den alten Mysterien wurde der Eingeweihte nicht vollständig ein Überwinder des Todes. Jetzt aber trat ihm entgegen das große Mysterium von Golgatha. Gerade innerhalb der europäischen Mysterien wurde dieses historische Mysterium mit tiefstem Verständnis aufgenommen,anders als anderswo. Es herrschte da eine Stimmung,die etwa folgendermaßen ausgedrückt werden kann. Die Menschen sagten sich: Wenn wir eingeweiht wurden, so war das ein Hinaufleben in eine göttlich-geistige Welt, die aber durchzogen war vom Hauche der Sterblichkeit. — Wer aber sich hineinlebt in das, was man an der Christus-Gestalt, diesem größten Impuls, erleben kann, wer ein Verhältnis zu dem Christusfindet, der kann zu einem solchen Verständniskommen, daß er wissen kann: Ebenso, wie die Sonne die Pflanze durchstrahlt und dadurch das Leben in ihr weckt, so kann der Christus-Impuls in die menschliche Seele fließen. Dadurch nimmt sie Kraft auf, die der Seele Wissen von ihrer Ewigkeit und Unsterblichkeit gibt, Wissen vom Sieg über den Tod. Dadurch, daß sie ein richtiges Verständnis für den Christus bekommt, dadurch wird die Seele belebt. Man sagte sich: Es gibt außer dem, was äußerlich über den Christus gelehrt werden kann, noch ein innerliches Wissen, das Suchen der Seele, der Ceridwen nach einem Hu oder Baldur, aber nach einem anderen Baldur, der das Geheimnis von Golgatha vollbracht hat. - Wenn die Seele das erlebt, so erlangt sie ein höheres Hellsehen als durch die alten Mysterien. Und hier in Europa begriff man gleich ganz tief, was das bedeutet.