Das Wesen des Gebetes
Betrachten wir so Vergangenheit und Zukunft in dem Hereinströmen in die Gegenwart, dann zeigt sich uns, wie das Seelenleben über sich selber ahnend hinauswächst. Wir werden es daher begreiflich finden, wenn die Seele, zurückblickend auf die Vergangenheit, gewahr wird jenes Bedeutungsvolle, das in sie hineinspielt, und dem sie nicht gewachsen ist; daß sie entfalten kann eine Stimmung, eine Grundempfindung gegenüber dem, was sich so als Ergebnis der Vergangenheit zeigt. Wenn so die Seele - sei es im Urteil oder in Reue und Scham über sich selber -— das Mächtige im Strom aus der Vergangenheit in sich hineinfließen fühlt, dann erzeugt sich das, was man nennen könnte die Andacht gegenüber dem Göttlichen, das uns aus der Vergangenheit anschaut. Und diese Andacht gegenüber dem Göttlichen, das uns aus der Vergangenheit anschaut, das wir ahnen können als etwas, was auf uns wirkt, dem wir aber mit unserm Bewußtsein nicht gewachsen sind, erzeugt die eine Gebetsstimmung — denn es gibt zwei Gebetsstimmungen -; jene Gebetsstimmung, die wir bezeichnen können als diejenige, welche zur Gottinnigkeit führt. Denn was wird die Seele wollen können, wenn sie still und intim sich diesen Empfindungen und Gefühlen gegenüber solcher Vergangenheit hingibt? Sie wird wollen können, daß das Mächtigere, das sie unbenutzt gelassen hat, das sie mit ihrem Ich nicht durchdrungen hat, in ihr gegenwärtig werde. Die Seele wird sich sagen können: Wäre dieses Mächtigere in mir, dann wäre ich heute eine andere; es hat in mir nicht gelebt, es war in mir nicht gegenwärtig. Das Göttliche, was ich ahne, war nicht etwas, was zu meinem Innenleben gehörte; deshalb habe ich mich nicht so gemacht, daß ich zu mir selber heute ganz «Ja» sagen kann. — Wenn die Seele so empfindet, überkommt sie jene Stimmung, durch die sie sich sagt: Wie kann ich in diese Seele hereinbekommen, was in allen meinen Taten und Erlebnissen zwar gelebt hat, was aber mir unbekannt war? Wie kann ich -hereinziehen dieses Unbekannte, von meinem Ich nicht Erfaßte? Wenn diese Stimmung in der Seele sich auslebt, sei es durch ein Gefühl, durch ein Wort oder eine Idee, dann haben wir das Gebet gegenüber der Vergangenheit. Dann suchen wir uns auf einem Wege dem Göttlichen andächtig zu nähern.