Krankheit und Heilung
Um uns diese Frage zu beantworten, müssen wir allerdings auf einiges eingehen, das uns aber schon das gewöhnliche Menschenleben zeigt. Im gewöhnlichen Leben haben wir sogenannte Erlebnisse. Diese Erlebnisse nehmen einen merkwürdigen Gang in unserem Leben zwischen der Geburt und dem Tode an. Wie stellt sich uns dieser Gang dar? Das können wir an einem Beispiel betrachten, das öfter hier erwähnt worden ist: an dem Beispiel des Schreibenlernens. - Wenn wir die Feder ansetzen, um unsere Gedanken auszudrücken, üben wir die Kunst des Schreibens. Wir können schreiben. Was setzt das aber voraus? Es setzt voraus, daß wir in einer gewissen Zeit des Daseins zwischen Geburt und Tod eine ganze Reihe von Erlebnissen gehabt haben. Denken wir daran, was wir erleben mußten, um imstande zu sein, unsere Gedanken auszudrücken, indem wir die Feder ansetzen und eben «schreiben». Stellen Sie sich vor, was Sie alles als Kind durchgemacht haben, von dem ersten ungeschickten Versuch an, die Feder zu halten und auf dem Papier anzusetzen und so weiter. Da werden Sie vielleicht sagen: Gott sei Dank, daß wir das nicht wieder alles in die Erinnerung zurückrufen müssen! Denn es wäre schlimm, wenn wir uns jedes Mal beim Schreiben an alles erinnern müßten, an alle die verunglückten Versuche, Striche zu machen, vielleicht auch an die Strafen, die damit verbunden waren, und so weiter, um das zu entwickeln, was wir die Kunst des Schreibens nennen. Was ist denn da geschehen? Dasjenige, was wir im eminenten Sinne im Menschenleben eine Entwickelung nennen zwischen Geburt und Tod. Wir haben eine ganze Summe von Erlebnissen durchgemacht. Diese Erlebnisse haben eine lange Zeit in Anspruch genommen; dann sind sie gleichsam zusammengeronnen, haben einen Extrakt gebildet, und dieser Extrakt ist das, was wir als das «Können» des Schreibens bezeichnen. Alles andere ist in ein unbestimmtes Dunkel der Vergessenheit heruntergesunken. Aber wir brauchen uns nicht daran erinnern, weil sich eine Entwickelungsstufe unserer Seele da heraus entwickelt hat. So rinnen unsere Erlebnisse zusammen in Extrakte, in Essenzen, die als unser Können, als unsere Tüchtigkeit und unsere Fähigkeiten im Leben auftreten. Das ist unsere Entwickelung im Dasein zwischen Geburt und Tod. Erlebnisse werden umgewandelt in seelische Fähigkeiten zunächst, die sich allerdings durch äußere körperliche Werkzeuge ausleben können. Alles persönliche Erleben zwischen Geburt und Tod geht so vor sich, daß sich Erlebnisse umwandeln in Fähigkeiten oder auch in das, was wir Weisheit nennen.