Krankheit und Heilung
So hat man das Leben zu Zeiten verstanden, in denen man tiefer in die geistigen Welten hineinschauen konnte, als das heute eine äußere Betrachtung kann. Daher finden wir da, wo uns Kulturführer der alten Zeiten besondere Dinge im Bilde mitteilen wollen, gerade auf solche merkwürdigen Grundsätze des menschlichen Lebens hingedeutet. Fragen wir uns: Was müßte denn jemand tun, der verhindern wollte, daß eine Reihe von Erlebnissen des Tages nicht in seiner Seele Feuer fangen und sich umwandeln in irgendeine Fähigkeit? Fragen wir das zum Beispiel einem sehr bedeutsamen Erlebnis der Seele gegenüber, jenem Erlebnis, das sich herausbildet, wenn jemand längere Zeit hindurch eine gewisse Beziehung zu einer andern Persönlichkeit erlebt. Diese Erlebnisse mit einer andern Persönlichkeit senken sich in das nächtliche Bewußtsein ein und werden wieder herausgeboren aus dem nächtlichen Bewußtsein als das, was wir die Liebe zu der andern Persönlichkeit nennen, die, wenn sie gesund ist, gleichsam ein Extrakt ist, der aufeinanderfolgenden Erlebnisse. Das Gefühl der Liebe zu der andern Persönlichkeit ist dadurch entstanden, daß sich die Summe der Erlebnisse in einen Extrakt zusammengezogen hat, wie wenn wir die Erlebnisse zu einem Gewebe zusammenformen. — Was müßte nun jemand tun, wenn er verhindern wollte, daß eine Reihe von Erlebnissen zur Liebe werden? — Er müßte eine besondere Kunst anwenden: Er müßte verhindern den naturgemäßen Vorgang in der Nacht, daß sich unsere Erlebnisse umgestalten zu der Essenz, zu dem Liebesgefühl; er müßte das, was das Gewebe der Tageserlebnisse ist, wieder auflösen in der Nacht. Wenn er dazu imstande ist, dann erreicht er das, daß an seiner Seele spurlos vorübergeht, was dazu angetan ist, das Erlebnis zu der andern Persönlichkeit in seiner Seele in Liebesgefühl zu verwandeln.