Krankheit und Heilung
So ist es überhaupt mit solchen Wahrheiten: Zuerst galten die, welche sie zu verkünden hatten, als Ketzer, und sie verfielen der Inquisition. Damals kam man mit Verbrennung oder drohte damit. Heute ist man von dieser Art der Inquisition abgekommen. Man verbrennt nicht mehr. Aber diejenigen, welche heute auf dem kurulischen Stuhl der Wissenschaft sitzen, sie betrachten jene Menschen, welche auf einer höheren Stufe eine neue Wahrheit mitteilen, als Narren und Träumer. Als Narren und Träumer werden heute diejenigen betrachtet, welche den Satz, den Francesco Redi im 17. Jahrhundert für das Lebendige aufgestellt hat, in anderer Weise vertreten. Wie Redi darauf hingewiesen hat, daß es eine ungenaue Betrachtungsweise ist, wenn man glaubt, daß aus dem Unlebendigen unmittelbar das Lebendige herauswachsen könne, sondern daß man zurückgehen muß auf ein gleichartiges Lebendiges, auf den Keim, der aus der Umgebung die Substanzen und Kräfte heranzieht, um sich in seinem Sinne zu entfalten — so hat derjenige, der heute auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, zu zeigen, daß das, was mit der Geburt ins Dasein tritt als ein Seelisch-Geistiges, von einem Seelisch-Geistigen gleicher Art herrührt, und daß es sich nicht nur zusammensetzt aus den vererbten Merkmalen. Wie der Regenwurmkeim die Substanzen heranzieht, um sich zu entwickeln, so muß der seelisch-geistige Keim ebenfalls die Substanzen seiner Umgebung heranziehen, um sich zu entfalten. Mit andern Worten, wenn wir das Seelisch-Geistige im Menschen zurückverfolgen, kommen wir zu einem früheren Seelisch-Geistigen, das vor der Geburt da ist, und das nichts zu tun hat mit Vererbung. Was in letzter Instanz aus dem Satze folgt: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem kommen - das führt hin zu dem Satze von den wiederholten Erdenleben, von dem Sie sich überzeugen können, wenn Sie sich tiefer einlassen auf Geisteswissenschaft. Unser Leben zwischen Geburt und Tod führt zurück auf andere Leben, die wir früher durchgemacht haben. Geistig-Seelisches kommt von Geistig-Seelischem, und in dem Geistig-Seelischen der Vorzeit liegen die Ursachen zu dem, was wir jetzt zwischen Geburt und Tod erleben. Und wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, nehmen wir mit, was wir in diesem Leben aufgenommen und aus Ursachen zu Fähigkeiten ausgebildet haben. Das, was wir mitnehmen, wenn wir durch die Pforte des Todes in eine geistig-seelische Welt eintreten, das bringen wir wieder zurück, wenn wir in künftiger Zeit durch eine neue Geburt ins Dasein treten.