Irrtum und Irresein

GA 59/1910-04-28/p034 ·1910-04-28 · original (original)
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So sehen wir also, was es bedeutet, wenn der Mensch sein Seelenleben in entsprechender Weise ausbildet. In der Gegenwart versteht man wenig, was es heißt: Ausbildung des Seelenlebens. Bei ähnlichen Gelegenheiten wurde schon erwähnt, daß man heute einen großen Wert zum Beispiel auf Turnen, Spazierengehen, auf großes Trainieren des physischen Leibes legt. Nichts soll gesagt werden über das Prinzip, das hier angedeutet ist. Die Dinge können gesund sein. Aber sie sind ganz bestimmt nicht zu einem guten Ziele führend, wenn man dabei nur auf den äußeren Menschen blickt, als ob er eine Maschine wäre, wenn man Übungen macht, welche auf die bloße physiologische Kräftigung zielen. Man sollte beim Turnen überhaupt nicht solche Übungen machen, die unter dem Gesichtspunkte geprägt sind, daß dieser oder jener Muskel besonders gekräftigt wird; sondern es sollte dafür gesorgt werden, daß wir bei jeder Übung eine innere Freude haben, aus einem inneren Wohlbehagen den Impuls zu einer jeden Übung holen. Aus der Seele sollen die Impulse zu den Übungen hervorgehen. Der Turnlehrer zum Beispiel sollte sich mit seinem Fühlen hineinversetzen können, wie die Seele dieses oder jenes Wohlbehagen hat, wenn sie die eine oder die andere Übung ausführt. Dann machen wir die Seele stark; sonst machen wir nur den Körper stark, und die Seele kann dabei so schwach wie möglich bleiben. Wer das Leben beobachtet, der wird finden, daß Übungen, die von einem solchen Gesichtspunkt aus unternommen werden, gesundend wirken und etwas ganz anderes beitragen zum Wohlbefinden des Menschen als jene Übungen, die unternommen werden, wie wenn der Mensch nur ein anatomischer Apparat wäre.

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