Hermes
So ungefähr können wir uns die Empfindungen des alten Ägypters denken, wenn er in den Tieren auf die stehengebliebenen Formen uralter Götterkräfte hinsah. Denn der alte Ägypter sah auf uralte Zeiten zurück, wo aus göttlich-übersinnlichen Kräften alles hervorsproßte, und er vermutete, daß in den Wesen der drei Reiche der Natur göttliche Kräfte stehengeblieben sind, die dann in ihm selbst zur Menschlichkeit sich heraufgestaltet haben. Immer zu dem Gefühl, zu der Empfindung und zu jener Notwendigkeit müssen wir blicken, die uns zeigt, daß solche Weisheit, wie sie bei den alten Ägyptern vorhanden war, durchaus eine Weisheit war, welche die Seelen moralisch ergriff, sie gar nicht ohne Moral lassen konnte. Und durch die Art, wie die gesamte Welt zusammengebracht wurde mit übersinnlichen Kräften, mußte ein moralisches Verhältnis zur Tierwelt entstehen, das sich nur in der ägyptischen Verfallszeit grotesk und sonderbar zum Ausdruck gebracht hat. Denn wenn man auf die spätere ägyptische Kultur sieht, so zeigt sich gerade, daß das Unvollkommene nicht am Ausgangspunkte steht, sondern daß am Ausgangspunkte der ägyptischen Kultur geistige Offenbarungen, Höhen der Kultur stehen. Wir dürfen—was man heute so gern zum Ausgangspunkt der Kulturen nimmt — die primitiven einfachen Zustände nicht den Urzuständen zuschreiben, sondern im Gegenteil den Verfallszeiten, in welchen das große geistige Gut bereits hinuntergesunken, verfallen war. Wenn wir irgendwo Kulturen der Barbarei finden, so sind dies nicht Urkulturen, sondern Verfallskulturen, die von der geistigen Höhe heruntergestiegen sind.