Moses

GA 60/1911-03-09/p016 ·1911-03-09 · original (original)
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Wer mit den Tatsachen bekannt ist, der weiß, wie im Verlaufe der Entwickelung die Menschenseele dazu kommt, die äußeren Gegenstände allmählich verändert zu erblicken, so daß sie auf dem Hintergrunde durchwoben erscheinen von den Urbildern, aus denen sie hervorsprossen. Und das Bild, das uns grandios in der Bibel mit dem «brennenden Dornbusch» entgegengestellt wird, erkennt jeder, der zu einem geistigen Erkennen aufrückt, als erwas wieder, wodurch man hineinsieht in eine geistige Welt. So begreifen wir, wie das, was dem Moses auf hellseherische Art gegeben werden mußte, ein neues Bewußtsein von dem Weltengeiste sein mußte, der die Welt durchwebt und durchlebt. Während die früheren Völker zu der Mehrheit der Weltenkräfte so aufgeschaut haben, daß diese in die menschliche Seele in der Weise hereinwirken, daß die einzelnen Seelenkräfte nicht eine Einheit, sondern eine Mannigfaltigkeit darstellen, und die Menschenseele nur ihr Schauplatz ist — so sollte Moses nun einen solchen Weltengeist erkennen, der sich nicht bloß für eine einzelne Seelenkraft offenbart, der nicht neben Geistern gleichen Wertes steht, die in andere Seelenkräfte hereinwirken; sondern jenen Weltengeist sollte Moses erkennen, der sich nur offenbaren kann im tiefsten, allerheiligsten Mittelpunkte des Seelenlebens, der sich nur auslebt in dem Ich selber, wo die menschliche Seele sich ihres Zentrums bewußt wird. Wenn die menschliche Seele fühlt, daß sie in dem Ich so in dem Weben und Leben des Geistigen steht, wie die Völker einst gefühlt haben, daß sie mit ihrem Wesen in den geistigen Weltenkräften stehen, dann fühlt die Seele, was sich dem Moses zuerst durch hellseherisches Erkennen offenbarte und was als der Weltengrund beachtet werden sollte, von dem die Völker durch Moses den Impuls bekamen, und den man mit dem Verstande, der die Erscheinungen der Welt kombiniert, begreifen kann als das, was als eine Einheitlichkeit der Welt zugrunde liegt. Wenn der Mensch heute auf den Mittelpunkt seines Seelenlebens blickt, so ist dieser selbst noch etwas, was ihm recht arm an Inhalt erscheinen muß, trotzdem es das Stärkste ist, was der Mensch erleben kann. Auf diesen Mittelpunkt ihres Seelenlebens haben sich insbesondere hochbegabte Naturen im Verlaufe ihres Lebens hingewiesen gefühlt, so zum Beispiel Jean Paul, der in seiner Selbstbiographie erzählt: «Nie vergeß’ ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustür und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht ‹ich bin ein Ich› wie ein Blitzstrahl vom Himmel auf mich fuhr und seitdem leuchtend stehenblieb: da hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig. Täuschungen des Erinnerns sind hier schwerlich gedenkbar, da kein fremdes Erzählen sich in eine bloß im verhangenen Allerheiligsten des Menschen vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltäglichen Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit Zusätzen mengen konnte.» — Was das «verhangene Allerheiligste» ist, erscheint dem Menschen zwar als das Stärkste, als das Kraftvollste des Seelenlebens, aber er kann sich dessen nicht so bewußt werden wie der mannigfaltigen anderen Seelenerlebnisse: es ist nicht so reich. Wenn sich der Mensch auf diesen Mittelpunkt zurückzieht, so fühlt er, daß in dem wunderbaren Worte «Ich bin» mächtig und intensiv, aber eben mit geringem Wortinhalt, dieser Mittelpunkt seines Seelenlebens erklingt.

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Cite: GA 60/1911-03-09/p016 · edition original