{"corpus":"steiner","locus":"GA 61/1912-01-25/p009","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Damit haben wir ungefähr die alte gnostische Vorstellung über den Christus so gegeben, daß wir sie begreifen können, weil sie uns sozusagen in ihren Elementen schon dann vorliegt, wenn ein besonderer Umschwung in einer einzelnen menschlichen Seele vor sich geht. Was nun dem modernen Menschen ganz besonders schwierig zu begreifen sein wird, das ist, daß mit diesem Ereignis, das eben charakterisiert worden ist, etwas verbunden ist, was für die ganze Menschheitsentwickelung eine geschichtliche Bedeutung hat, eine geschichtliche Bedeutung fundamentaler Art, daß damit etwas gegeben ist, was wir den Schwerpunkt der ganzen Menschheitsentwickelung nennen können. Von dieser gnostischen Vorstellung, auch wenn wir sie mit mancherlei vergleichen, was in diesen Vorträgen aus der Geisteswissenschaft hat dargestellt werden können, darf man sagen, daß sie eigentlich — gleichgültig, wie man über die Realität denkt — eine großartige, gewaltige Vorstellung auf der einen Seite von der Christus-Wesenheit, dann aber auch von der Wesenheit des Menschen hat, denn sie stellt den Menschen in eine Entwickelung hinein, in welche ein Impuls aus der geistigen Welt heraus unmittelbar im Laufe des geschichtlichen Werdens eingreift. Es ist daher gar nicht wunderbar, daß diese gnostische Vorstellung nicht irgendwie hat populär werden können. Denn wer sich nur ein wenig die Bedingungen der Menschheitsentwickelung von dem ersten christlichen Jahrhunderte an, die Zustände der menschlichen Seele, die verschiedenen Verhältnisse des sozialen Lebens klar macht, wird ohne weiteres zugeben, daß eine solche Vorstellung von einem Hochsinn getragen war, der ganz gewiß nicht populär wird. Man braucht nur, um sich dies klar zu machen, in das heutige Geistesleben einen Blick zu tun. Wenn von einer solchen Vorstellung, wie sie eben als die gnostische charakterisiert worden ist, die Rede ist,so werden die meisten Menschen sagen: Das ist eine Abstraktion, eine kühne Träumerei. Wir Menschen aber brauchen etwas real Wirkliches, etwas, was uns naheliegt, was unmittelbar in unser reales Leben eingreifen kann. — Wie eine Abstraktion sehen heute die Menschen noch immer das an, was jetzt eben als die gnostische Vorstellung charakterisiert worden ist, denn weit entfernt sind eigentlich heute die Menschen noch davon, die viel größere Gesättigtheit, das wahrhaft Konkrete dessen zu spüren, was in den geistigen Vorstellungen liegt, zu denen wir uns erheben, gegenüber dem, was die meisten Menschen einmal das Anschauliche, das Konkrete und wahrhaft Wirkliche nennen. Wäre das nicht der Fall, so würden die Menschen auch nicht in der Kunst nach dem drängen, was Augen sehen, was Hände greifen können, und als etwas Abstraktes das ablehnen, zu dem man sich im Geiste mit inneren Seelengaben erheben muß.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Christus und das zwanzigste Jahrhundert","site_heading":null,"date":"1912-01-25","location":null,"word_count":414,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/61/1912-01-25/p009","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/61/1912-01-25/p009"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/61/1912-01-25/p009"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}