Christus und das zwanzigste Jahrhundert
Die geisteswissenschaftliche Betrachtung der Geschichte zeigt nun, daß diese Möglichkeit, durch rein innere, intime Seelenentwickelung in die geistige Welt emporzusteigen, erst im Laufe der Zeit in die Menschheitsentwickelung eingetreten ist, daß sie keineswegs in alten Zeiten schon vorhanden war. Wenn heute die Seele, indem sie innerhalb ihrer selbst stehenbleibt, völlig frei durch ihre eigenen Maßnahmen sich zu einem Geistesschauen erhebt, so konnte die Seele im wesentlichen in vorchristlichen Zeiten dieses nicht, sondern da war sie angewiesen auf gewisse Maßnahmen, welche in den Mysterien-Heiligtümern mit ihr vorgenommen worden sind. Wenn wir, was genauer in meinem «Christentum als mystische Tatsache» dargestellt ist, kurz skizzieren wollen, was in den Mysterientempeln, die im alten Sinne dies waren, was wir heute als geistige Lehrstätten auffassen würden, von den Leitern dieser Mysterientempel mit der Seele vorgenommen wurde, so kann man es in folgender Weise zusammenfassen. Es wurde die Seele durch äußere Maßnahmen von ihrer Leiblichkeit befreit. Es wurde ihr die Möglichkeit gegeben, durch eine gewisse Zeit hindurch in einem Zustande zu verharren, der dem Schlafzustande ähnlich und doch wieder ganz verschieden von ihm war. Wenn wir heute nach den Ergebnissen der Geisteswissenschaft den Schlafzustand betrachten, so müssen wir uns denken, daß die äußere Leiblichkeit des Menschen im Bette liegen bleibt, während der eigentliche geistig-seelische Wesenskern des Menschen außerhalb dessen verharrt, was im Bette bleibt. Aber die Kräfte, das eigentliche innere Wesen dieses geistig-seelischen Kernes ist im schlafenden Zustande von so geringer Intensität, daß Bewußtlosigkeit eintritt und Finsternis um den geistig-seelischen Kern des Menschen herum ist. Die Maßnahmen, die in den alten Mysterien mit der menschlichen Seele vorgenommen wurden, sind die, daß durch den Einfluß anderer, vorgeschrittener Persönlichkeiten, die für sich schon diese Mysterien-Einweihung durchgemacht hatten, für die Seele eine Art von Schlafzustand herbeigeführt worden ist, aber so, daß dieser Seele gleichzeitig ihre inneren Kräfte geschärft und gestärkt worden sind, so daß sie ihren Leib in einem schlafenden, ja todähnlichen Zustande zurückließ, aber in einem seelischen Dasein durch eine gewisse Zeit hindurch in die geistige Welt hineinschauen konnte, bewußt also ein Schlafleben führte und sich in diesem Schlafleben eine Überzeugung von dem verschaffen konnte, was sie als ein Bürger der geistigen Welt ist. Wenn dann eine solche Seele nach einiger Zeit wieder in den gewöhnlichen Menschenzustand zurückgeführt worden war, so trat in ihr eine Erinnerung an das auf, was sie in der Wahrnehmung außerhalb ihres Leibes erlebt hatte, und eine solche Seele konnte dann wie ein prophetischer Geist vor die Volksgemeinschaft hintreten und davon Zeugnis ablegen, daß es eine geistige Welt und einen ewigen Bestand der Menschheit gibt. Eine solche Seele hatte dadurch teilgenommen an dem Leben im Geistigen, und in den Mysterien wurden die Vorschriften gegeben, denen sich eine solche Seele in einem langen Leben zu unterwerfen hatte, damit dann durch die Leiter der alten Mysterienstätten der letzte Akt hinzugefügt wurde. Werfen wir also die Frage auf: Woher rühren die alten Weistümer, die uns in der Menschenentwickelung von den Völkern des Erdenrundes überbracht sind, von ihrem göttlichen Ursprung und der Ewigkeit der Menschenseele? — Aus der Geisteswissenschaft heraus müssen wir uns die Antwort geben: Sie rühren von den auf diese Weise Eingeweihten oder Initiierten, wie man sie auch nennt, her. — In einer eigenartigen Weise treten uns allerdings diese alten Weistümer zutage. In Mythen, Legenden und allerlei bildhaften Darstellungen und Erzählungen ist das gegeben, was wie in einem lebendigen Traume der zu Initiierende in diesen Mysterienstätten erlebte. Ja, man versteht die Mythologien nur, wenn man die in denselben uns entgegentretenden Gestalten als bildliche Ausgestaltungen dessen auffaßt, was die Eingeweihten der Mysterien während ihrer Einweihung schauten. Man muß also, wenn man zu den alten Religionslehren ein Verhältnis gewinnen will, bis zu den Mysterien zurückgehen, muß in den Mysterien das sehen, was sich allerdings für die äußere profane Welt verborgen hat, was nur die erreichen konnten, die sich durch strenge Prüfungen und auch durch Schweigsamkeit, die aus Umständen geboten war, die heute nicht besprochen werden können, für die Einweihung vorbereitet hatten.