Christus und das zwanzigste Jahrhundert

GA 61/1912-01-25/p023 ·1912-01-25 · original (original)
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Wenn so das zwanzigste Jahrhundert einmal das große Erlebnis im Inneren des Menschen wirklich ernst wird nehmen können, so wird es auch das Christus-Ereignis begreifen können und nicht mehr daran Anstoß nehmen, was als die Wiedergeburt der Seele auf einer höheren Stufe sich im Menschen abspielt. Und dann wird die Geisteswissenschaft zeigen, daß für das geschichtliche Werden dasselbe gilt, was für das äußere natürliche Geschehen gilt. Da hat man sich in der äußeren Weltanschauung auch dem Irrtume des Schopenhauerischen Satzes hingegeben: Die Welt ist meine Vorstellung. — Das heißt, daß um mich herum eine Welt von Farben, von Tönen und so weiter ist, das hängt ab von meinem Auge und meinen anderen Sinnesorganen. Aber es ist nicht richtig, wenn man die Welt in ihrer Ganzheit erfassen will, daß man sagt: Die Welt der Farben ist nur da durch die Konstitution meines Auges. - Denn mein Auge wäre nicht da, wenn nicht das Licht zuerstmein Auge herausgezauberthätte. Wenn es auf der einen Seite wahr ist, daß die Empfindungen des Lichtes durch die Konstitution des Auges bestimmt ist, so ist es auf der anderen Seite nicht weniger wahr, daß das Auge nur durch das Licht, durch die Sonne da ist. Beide Wahrheiten müssen sich zu einer umfänglichen Wahrheit verbinden. So ist es richtig, was schon Goethe gesagt hat: «Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde, und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete.» — Wie das Auge durch das Licht gebildet ist, wie die Wahrnehmung des Lichtes durch das Auge geschieht, so kommt das innere Christus-Erlebnis, die innere Wiedergeburt der Seele durch das Christus-Erlebnis der Menschheit, durch das Mysterium von Golgatha zustande. Die Geisteswissenschaft zeigt, daß, bevor der Christus-Impuls in die Menschheit eingetreten ist, dieses innere Erlebnis nur durch äußeren Anstoß in den Mysterien durchgemacht werden konnte und nicht intim, wie jetzt durch eine Art von Selbsteinweihung in dem Menschen selber. So ist es mit dem inneren mystischen Erleben des Christus ebenso, wie es für die Farben- und Lichtwelt mit dem Auge ist: Durch das Innere erlebt der Mensch den Christus. Daß er aber die Seele intim über sich selbst hinaussteigern kann, rührt davon her, daß die geistige Sonne, das Mysterium von Golgatha, in die Weltgeschichte eingetreten ist. — Ohne das objektive Mysterium von Golgatha und ohne den objektiven Christus kein subjektives inneres Erlebnis mystischer Art, wie es der Mensch im zwanzigsten Jahrhundert erleben wird und wie er es vollständig wissenschaftlich ernst nehmen wird.

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Cite: GA 61/1912-01-25/p023 · edition original