Das Wesen der Ewigkeit und die Natur der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft

GA 61/1912-03-21/p004 ·1912-03-21 · original (original)
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Nun, vielleicht braucht man sich keine so großen Skrupel darüber zu machen, wenn man annimmt, daß Lessing höchstwahrscheinlich jene beiden Dinge gemeint habe, welche den meisten Menschen zunächst aufstoßen, wenn von der Lehre der wiederholten Erdenleben die Rede ist. Aus zwei Impulsen heraus sträubt sich sozusagen diese Menschenseele gegen eine solche Idee. Der eine läßt sich etwa so ausdrükken, daß man sagt: Wie es sich nun auch mit dem verhalten möge, was etwa aus irgendeiner Geisteswissenschaft heraus für die Lehre von den wiederholten Erdenleben vorzubringen sei, das eine stehe doch fest, daß das normale Bewußtsein kein Gedächtnis, keine Erinnerung an schon durchlebte Erdenstufen habe. Daher scheine es zum mindesten, selbst wenn es einer Wahrheit entspräche, daß es solche wiederholten Erdenleben gibt, daß diese für das menschliche Bewußtsein selber bedeutungslos seien und daher für das normale menschliche Bewußtsein eine Art willkürlicher Hypothese darstellen. - Das ist gewiß bei vielen Seelen, die sich gegen die Annahme der wiederholten Erdenleben empören, einer der Impulse. Der zweite der Impulse dürfte aus dem heraus gegeben sein, was man nennen kann das Gerechtigkeitsgefühl des Menschen gegenüber sich selbst. Die wiederholten Erdenleben machen es notwendig, daß man annehme, daß sozusagen unser Schicksal, die Art und Weise, wie wir mehr oder weniger glücklich oder unglücklich, begabt oder unbegabt in die Welt hereingestellt sind, eine Folge dessen ist, was wir selber als Ursachen dazu in früheren Erdenleben gelegt haben, so daß wir sozusagen selber in einem weit umfassenderen Sinne, als man es gewöhnlich meint, die Schmiede unseres Glückes, unserer Fähigkeiten oder unseres Unglückes und unserer Unfähigkeiten wären. Da sagt sich wohl manche Seele: Wenn ich schon mein Geschick hinnehmen muß, wenn es sich schon belastend auf mein Erdendasein legt, so soll ich auch noch dazu annehmen, daß ich selber, das heißt dieses Ich, das in mir wohnt, in früheren Erdenleben die Ursachen zu diesem Geschick herbeigeschafft habe, in welches ich jetzt verstrickt bin. — Das ist, was man nennen könnte das Gerechtigkeitsgefühl des Menschen gegen sich selbst.

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