Das Wesen der Ewigkeit und die Natur der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft
Nun ist es richtig, daß der Mensch, indem er auf das blickt, was ihm zuerst die Gewähr des Ewigkeitsgedankens geben kann, sich gewöhnlich der Anschauung der Gegenwart überläßt. Die Vorträge, die bisher hier gehalten worden sind, haben aus den mannigfaltigsten Voraussetzungen heraus gezeigt, daß der Mensch immer wieder und wieder dazu kommt, wenn er sein Seelenleben überblickt, alles, was sich in seinem Seelenleben abgespielt hat, zuletzt gewissermaßen auf einen Punkt hinzuordnen, den er als sein Ich bezeichnet. Gerade wenn man sich bei den denkenden Philosophen der Gegenwart umsieht, wird man immer wieder darauf hingewiesen, daß der Mensch über das Wesen seiner eigenen Natur durch nichts anderes zu Aufschlüssen kommen könnte als dadurch, daß er die Natur seines eigenen Ich verfolgt, desjenigen, was alles wie ein Zentrum zusammenhält, was wir in der Seele erleben. Erscheint es dann nicht so, als ob alles, was wir in unserem Gemüt, in unserer Seele erleben, erleben an Gedanken, Gemütsverfassungen und Willensimpulsen, entstünde und verginge? Was erhält sich aber? Wessen Schicksal sozusagen sind alle Gedanken, Gemütsverfassungen und Willensimpulse? Das Ich ist dasjenige, was sich uns wie der bleibende Mittelpunkt erweist. Wir wissen auch ganz gut, daß wir, wenn wir unsere Seelenerlebnisse nicht auf diesen bleibenden Mittelpunkt beziehen würden, gar nicht davon sprechen könnten, eine einheitliche Menschenwesenheit zu sein. Dennoch, so schön es aussieht, was insbesondere wieder in neuerer Zeit Philosophen und sonstige Denker über die Natur des Ich sagen, gibt es einen Widerleger aller solcher philosophischen Spekulationen über die Natur des Ich. Wenn man noch so intim erforscht, wie dieser Mittelpunkt unseres Seelenlebens sich sozusagen als derselbe erweist durch unser ganzes Vorstellungs-, Gefühls- und Willensleben hindurch: einen Widerleger gibt es, der unser Ich, wie wir es im normalen Bewußtsein erleben, auslöscht, und der uns eigentlich immer wieder und wieder zu Gemüte führen kann, wie leicht widerlegbar alle Spekulationen der Philosophen über das bleibende Ich sind, wie es das normale Bewußtsein zunächst kennt. Dieser Widerleger ist der, den wir innerhalb von vierundzwanzig Stunden immer wieder selbst erleben, der Schlaf. Der Schlaf löscht mit unseren Gedanken, Empfindungen und Willensimpulsen auch den zentralen Mittelpunkt unseres Ich aus, so daß von einer Dauer des Ich, jenes Ich, welches das normale menschliche Bewußtsein zunächst kennt, in Wahrheit nicht gesprochen werden kann gegenüber dem für jeden Menschen im Laufe von vierundzwanzig Stunden eintretenden Schlaf. Nun haben aber die bisherigen Vorträge gezeigt, daß dennoch der Mensch in einer gewissen Weise von einem solchen Ich sprechen kann, aber nicht dadurch, daß er dasjenige ins Auge faßt, was er in der unmittelbaren Gegenwart hat, indem er alle seine Vorstellungen, seine Gemütsverfassungen und Willensimpulse auf seinen Ich-Mittelpunkt bezieht, sondern dadurch, daß er etwas ganz anderes berücksichtigt. Eine Frage müssen wir uns dabei vorlegen: Finden wir unter all denjenigen Dingen, die uns in der äußeren Welt entgegentreten, die wir erleben vom Morgen bis zum Abend, finden wir unter diesen Außendingen das Ich? Wer sich unbefangen diese Frage aufwirft, wird sich sagen können: In allem, was ich als Erlebnisse der Außenwelt habe, woran sich meine Vorstellungen, Empfindungen und Willensimpulse anlehnen, finde ich das Ich nicht. Von keiner Außenwelt kann mir der Ich-Gedanke auftauchen, dennoch ist er vom Aufwachen bis zum Einschlafen da. - Was kann dasjenige sein, was vom Aufwachen bis zum Einschlafen in der Seele lebt, was immer in der Flut unserer Vorstellungen, Gemütsverfassungen und Willensimpulse gefunden werden kann, und was dennoch in dem Moment ausgelöscht werden kann, wo wir einschlafen? Da es nicht in der Außenwelt gefunden werden kann, so muß es seinem Ursprunge nach in unserer eigenen Innenwelt gesucht werden. Aber unser eigenes Innere ist wiederum so, daß wir dieses, was wir als unser eigenes Ich im normalen Bewußtsein haben, auslöschen. Es gibt im ganzen weiten Umkreise von Begriffen, die sich der Mensch bilden kann, keinen einzigen, der eine solche Tatsache wirklich zum Verständnis bringen könnte außer demjenigen, welcher annimmt, daß dies, was da von keiner Außenwelt gegeben, als der Ich-Gedanke auftritt, wie das normale Bewußtsein ihn hat, eben so nicht eine Wirklichkeit ist, denn eine Wirklichkeit könnte nicht so verschwinden, wie der Ich-Gedanke im Schlafe verschwindet. Eine Wirklichkeit ist dieser Ich-Gedanke nicht. Was ist er also dann? Wenn es keine Wirklichkeit ist, dann gibt es keine andere Möglichkeit, um die Sache zu verstehen, als daß man annimmt, daß es ein Bild ist, aber ein Bild, das uns im weiten Umkreise unserer Erfahrungswelt nicht werden kann, sondern zu dem wir nur durch einen Vergleich kommen, den Vergleich des Menschen mit seinem Spiegelbilde. Nehmen wir an, ein Mensch hätte nie Gelegenheit gehabt, sein Gesicht selber zu sehen. Es ginge ihm dann in bezug auf sein Äußeres wie mit seinem Ich. Das normale Bewußtsein erlebt das Ich immer nur als Bild, es kann nicht dahinterkommen, was dieses Ich ist, so wie ein Mensch im Äußeren sein Gesicht nicht anschauen kann. Wenn er aber vor den Spiegel tritt, dann erscheint ihm sein Gesicht, aber es ist das Bild seines Gesichtes. Und wenn er sich umschaut, was spiegelt sich dann? Wenn er sich umschauen würde, so würde er eben Tische, Stühle oder dergleichen sehen. Aber nicht alles, was um ihn herum ist, spiegelt sich. Doch wenn er sagen kann, daß es etwas ist, was er in seinem Umkreise nicht hat, was sich ihm nur spiegelt — denn nichts, was da ist, kann sich zunächst in unserem Bewußtsein so spiegeln, wie das Ich sich zeigt —, so ist es unser eigenes Wesen, zu dem aber zunächst das Ich im normalen Bewußtsein nicht kommt, es aber im Spiegelbilde erlebt. Und so wahr sich nicht spiegeln kann, was nicht da ist, so wahr muß das Ich da sein, weil es sich spiegelt und weil die Ursache vom Spiegelbilde nicht etwas anderes sein kann. Daß dies richtig ist, dazu genügt ein einziger Blick auf die Weltentatsachen. Daher müssen wir sagen: Da dem Menschen sein Ich zunächst nur im Spiegelbilde gegeben ist, kann es verschwinden, wie das Spiegelbild unseres Gesichtes verschwindet, wenn wir nicht mehr in den Spiegel hineinschauen. Ein Bild kann verschwinden, die Realität bleibt, sie ist da, trotzdem wir sie nicht wahrnehmen. Denn wer die Richtigkeit des letzten Satzes bestreiten wollte, der müßte behaupten, nur das sei vorhanden, was der Mensch wahrnimmt. Da würde er sehr bald die Absurdität dieses Satzes einsehen, sobald er ihn in seinen Konsequenzen verfolgen würde.