Das Wesen der Ewigkeit und die Natur der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft
Da haben wir den ersten der Hinweise, der ein wirklich in die Realität hineingehender ist, auf dasjenige, was als ein von aller äußeren Welt unabhängiges Kraftendes in uns lebt und webt. Und wenn wir diese Innenerfahrung weiter treiben, was stellt sich dann heraus? Viele der Einzelheiten, die heute erwähnt werden müssen, sind in den vorhergehenden Vorträgen schon angedeutet worden, so auch die wichtige Tatsache, die jetzt erwähnt werden muß. Es stellt sich heraus, daß wir diese Steigerung des Lebens erfahren, daß wir immer reifer und reifer werden. Aber es stellt sich auch die merkwürdige Tatsache heraus, daß wir das Beste an unserer Lebensreife, dasjenige, wodurch wir am meisten zu etwas Besserem heranwachsen, als was wir vorher waren, wodurch wir das Wesen des Ich am besten beobachten können, so erfahren, daß wir sagen können: Es stellt sich als etwas dar, was wir an unseren Fehlern, an unseren Mängeln am besten erfahren. - Wenn wir eine Sache so recht verfehlt haben, wenn wir etwas getan haben, was uns so recht unsere Unvollkommenheit, unsere Unfähigkeit am besten zeigt, dann lernen wir von dem, was wir in unserer Unfähigkeit vollbracht haben, wie wir es hätten machen sollen. Wir sind reifer geworden. Und gerade durch solche Gelegenheiten — seien es Gelegenheiten des Denkens, des Fühlens, des Wollens, des Handelns - entwickeln wir unsere Lebensweisheit, unsere Lebensreife. Dadurch müssen wir aber auch sagen: Wir sehen an dem, was wir so als Lebensweisheit und Lebensreife in uns ansammeln, was eine immer stärkere innere Kraft wird, weil wir doch nie ein zweites Mal in dieselbe Lage kommen und wieder an unseren Fehlern lernen können, wie wir diese in uns aufspeichern müssen und wie wir für diese wichtigsten Dinge keine Verwendung im Leben haben. — So sehen wir also, daß wir in unserem irdischen Dasein dahinleben und fortwährend Kräfte aufspeichern, die sich ausdrücken als Lebensreife, und die, wenn wirklich ein Leben richtig durchgeführt wird, sich am stärksten angesammelt haben, wenn wir an der Pforte des Todes angelangt sind. Wir sehen, daß da etwas in uns ist, in uns lebt und sich zunächst nicht in einer Außenwelt ausleben kann.