Das Wesen der Ewigkeit und die Natur der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft

GA 61/1912-03-21/p022 ·1912-03-21 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Wenn sich der Mensch so zu einer wahren, der heutigen Zeit angemessenen Hellsichtigkeit schult, dann erlebt er im physischen Dasein schon das, was sonst erst erlebt wird, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist. Nur erlebt er alle Hellsichtigkeit so, daß er den großen Unterschied empfindet, den etwa die hellsichtige Seele in folgender Weise aussprechen kann: Ja, ich erlebe eine geistige Welt, eine Welt, in welcher die Menschen sind zwischen dem Tode und einer neuen Geburt; ich lebe mit ihnen. Alles aber, was ich als Erkenntnis erlebe, schaue ich an. Der Unterschied zwischen mir und diesen Seelen besteht darin, daß ich dieses anschauen, aber darin nicht wirken, nicht schaffen kann. — Diesen Unterschied merkt die Seele. Aber das rührt nur her von dem Verbundensein mit dem physischen Leibe, denn in dem Augenblicke, wo das hellsichtige Bewußtsein befreit ist von dem physischen Leibe und dem Ätherleibe, da ist das, was als Spannkraft an den physischen Leib gebunden ist und nur Erkenntnis möglich macht, entbunden, da sind das die Kräfte, welche den Menschen auszeichnen, wenn er die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchlebt. Es ist das, was das Hellsehen durchlebt, etwa wie die Kraft eines Bogens, der gespannt ist. Der Hellseher empfindet alle Kraft als Kraft des Anschauens. In dem Augenblicke, wo man die Spannung aufhebt, schnellt der Bogen weiter und geht von der Ruhe in die Bewegung über. So ist es mit dem Hellseher, wenn er von dem Leben im physischen Leibe übergeht zu dem Leben in der Welt nach dem Tode. Der Hellseher kann sich sagen: Du kannst die geistige Welt nur anschauen, du siehst, was sich abspielt. Aber indem mit dem Tode dein Leib von dir abfällt, werden Kräfte frei wie bei dem Bogen, wenn der Pfeil abgeschossen wird. Diese Kräfte gehen in der Menschenseele für die Zeit vom Tode bis zur neuen Geburt in andere Wirksamkeiten über. - Das sind die Zeiten, in welchen der Mensch auf sein abgelaufenes Erdendasein zurücksehen kann und dann an seiner neuen Erdenverkörperung arbeitet, bis er zu einem neuen Erdendasein erwacht.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/61/1912-03-21/p022.json
Cite: GA 61/1912-03-21/p022 · edition original