Das Wesen der Ewigkeit und die Natur der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft

GA 61/1912-03-21/p023 ·1912-03-21 · original (original)
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Aber nicht nur, indem wir die Betrachtungen in dieser Weise anstellen, sondern noch in einer anderen Art, können wir, wenn auch nicht einen mathematischen Beweis, wohl aber doch in einer genügenden Art uns einen Beweis dafür verschaffen, wenn wir im Einklang mit der Natur unsere Betrachtungen anstellen. Wenn eine Pflanze wächst, dann sehen wir, wie sie Blatt für Blatt entwickelt, wie sie endlich die Blüte entwickelt, wie die Blüte befruchtet wird, und wie sich die Frucht zum Samen entwickelt. Dann schließt sich die Pflanze ab. Ist ihre Kraft abgeschlossen? Nein, sondern dann sind diejenigen Kräfte am stärksten in der Pflanze vorhanden, welche die ganze Pflanze wie von neuem ins Dasein rufen. Die Kraft, die innerlich gespannt, wie in einen Punkt zusammengezogen ist, tritt anders wieder auf, wenn wir die Pflanze in die Erde legen, und wir die ganze Pflanze wieder neu entstehen sehen. So verbindet sich uns Anfang und Ende des Pflanzenlebens. So verbindet sich auch das, was wir, indem wir durch den Tod schreiten, als die Kräfte in uns haben, welche da am höchsten gespannt sind, mit demjenigen, was wir am Anfange des Erdenlebens erblicken. Da sehen wir, daß sich der Mensch als kleines Kind in einer Art von Dämmerzustand wie hereinschläft in das Leben. Aber in diesem Hereinschlafen wird in einem gewissen Spielraume an seiner Leiblichkeit gearbeitet, so gearbeitet, daß seine Leibeswerkzeuge genau zu dem passen, was sein Seelenleben ist. Es wäre traurig, wenn jemand behaupten wollte, die Tätigkeit des Ich beginne erst, wenn beim Kind das Selbstbewußtsein auftritt. Nein, es ist vorher da, und der Mensch hat nur nachher seine Kräfte dazu zu verwenden, um Bewußtsein und Erinnerung auszubilden. Vorher sind die Kräfte des Ich daran tätig, die Leibeswerkzeuge plastisch auszugestalten, um den Leib, der noch weich und biegsam ist, kunstvoll zu bearbeiten, damit er das wird, was nachher Bewußtsein in sich bergen kann. So sehen wir das Ich am kunstvollsten arbeiten, wenn der Mensch ins Dasein hereintritt, und es zeigt sich uns, wie der Mensch tätige Kräfte hat, die er, wenn er an das herantritt, was die Erinnerung sein kann, nicht mehr zu eigen hat. Wenn wir so einen Menschen vorurteilslos beobachten, dann sehen wir, wie er sich in eigenartiger Weise mit der Welt zusammenschließt, sich in sie hineinfindet. Wir sehen, wie seine zuerst unbestimmten Gesichtszüge und unbestimmten Fähigkeiten zu immer entwickelteren werden. Und wir sehen schließlich, wie das, was vorher wie gespannt durch die Pforte des Todes getreten ist, was sich dazu vorbereitet hat, einen neuen Leib zu konstruieren, jetzt wirklich an einem neuen Leibe arbeitet, so daß der Mensch in einen neuen Leib hereingesetzt wird mit den Früchten des vorhergehenden Lebens. So schreitet das Ich hinüber von einem Erdendasein in das andere. In der Steigerung unseres Seelenlebens, indem es sich in dieser Steigerung tätig erwiesen hat, zeigt es sich mit den stärksten Kräften ausgestattet, die bis zum Tode sich steigern, und lebt sie so aus in der Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt, daß es sie dann in einem neuen Erdendasein wieder ausprägt.

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