Das Wesen der Ewigkeit und die Natur der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft
So sehen wir, wie die Ursachen, die wir selbst legen, in das nächste Leben hineinspielen, indem dieses das vorhergehende fortsetzt. Wir sehen, wie Kettenglied an Kettenglied sich reiht. Wir brauchen diese Betrachtung nur mit dem zu vergleichen, was zum Beispiel der Buddhismus gibt, dann werden wir sehen, daß die moderne Geisteswissenschaft, wie sie aus einem hellseherisch durchdrungenen Entwickelungsgedanken hervorgehen kann, die guten Gedanken des Buddhismus aufnehmen kann, aber das andere ablehnen muß. Der Buddhismus ist die letzte Frucht einer hellsichtigen Urkultur, während welcher die Menschen das frühere primitive Hellsehen hatten, und für seine Zeit vertrat er den Gedanken, daß es wiederholte Erdenleben gibt, aus dem Grunde, weil es die Menschen als unmittelbare Erfahrung ihres alten Hellsehens hatten. Dagegen aber behauptet der Buddhismus durchaus, daß alles dasjenige, was aus einem früheren Leben herüberspielt und sich im gegenwärtigen zum Ich zusammenballt, eigentlich nichts wird als das Schein-Ich, das wir im Bilde erblicken. Der Buddhismus kennt im Grunde genommen nicht das wirkliche Ich, sondern nur dasSchein-Ich, das Bild, von dem wir gesprochen haben. Er spricht daher davon, daß das Ich vergeht wie unser Leib, wie unsere Hülle und unsere sonstigen Erlebnisse. Was der Buddhismus aus dem früheren ins gegenwärtige Erdenleben herüberspielen läßt, das sind nur die Taten des früheren Lebens, das Karma. Wie sich die Taten zusammengruppieren, das ruft nach dem Buddhismus in einem jeden neuen Leben ein Schein-Ich hervor, so daß in unser neues Leben kein Ich, sondern nur die Taten, nur das Karma hinüberspielt. Daher sagt der Buddhist: Was als Ich wirkt, ist Schein wie alles andere, ist Maja wie alles andere, und ich muß das Bestreben haben, über das Ich hinauszukommen. Die Taten meines früheren Lebens sind so verlaufen, daß sie sich jetzt herumgruppieren wie um einen Mittelpunkt. Jenes Ich ist aber ein bloßer Schein-Mittelpunkt. Daher muß ich auslöschen, was mit dem Karma in das Leben hereingestellt ist. - Umgekehrt sagt die Geisteswissenschaft: Das Ich, welches da auftritt, ist die konzentrierende Tat des Karma. — Und während alle anderen Taten zeitliche sind und auch in der Zeit wieder ausgeglichen werden, ist jene Tat des Karma, die den Menschen zum Ich-Bewußtsein geführt hat, keine zeitliche, so daß mit dem Ich-Bewußtsein etwas auftritt, was wir nur so charakterisieren können, wie wir es heute getan haben, das heißt, daß es sein Dasein steigert und steigert, und daß wir, wenn wir wieder ins Dasein treten, um das Ich gruppiert wieder auftreten. — So löscht der Buddhist das Ich aus und läßt nur das Karma gelten, das von dem einen Leben in das nächste hinüberwirkt und dort ein neues Schein-Ich schafft. Während der Bekenner der modernen Geisteswissenschaft, für den Karma und Ich nicht eins sind, sich sagt: Aus meiner jetzigen Erdenstufe geht mein Ich mit einer Lebenssteigerung hervor und wird als solches wieder erscheinen in meinem nächsten Erdendasein und sich dann mit den Taten dieses nächsten Lebens verbinden. Wenn ich als Ich etwas getan habe, so bleibt es mit dem Mittelpunkt verbunden und geht mit den Taten von Verkörperung zu Verkörperung.