Das Wesen der Ewigkeit und die Natur der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft

GA 61/1912-03-21/p026 ·1912-03-21 · original (original)
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Die Geisteswissenschaft zeigt nun weiter: Wie in einer bestimmten Zeit unserer Kindheit unser gewöhnliches Gedächtnis für das Erdenleben erwacht, so gibt es auch die Möglichkeit, daß der Mensch, wenn er sein eigenes Bewußtsein bis zu einem gewissen Grade gesteigert hat, es dann immer höher und höher steigern kann, so daß er nicht nur für sein jetziges Erdendasein das Gedächtnis hat, sondern auch für seine früheren Erdenleben. Das ist eine Tatsache der Entwickelung, die sich gegenwärtig nur dem hellseherischen Bewußtsein ergibt, die aber im Einklange steht mit dem, was auch sonst gewußt werden kann. Wenn gesagt wird, es empöre sich ein Gerechtigkeitsgefühl des Menschen gegen die wiederholten Erdenleben, weil man sich nicht daran erinnern könne, so muß dagegen angeführt werden, wie das gewöhnliche Gedächtnis eine Tatsache ist, obwohl man sich nicht an das erinnern kann, was man vor dem Auftreten des Gedächtnisses erlebt hat, wie es sich aber dennoch nachher entwickelte, so muß ich auch jenes Gedächtnis erst entwickeln, welches auf die früheren Erdenleben zurückschauen kann. Dadurch wird das Gedächtnis, das der Mensch sonst zu einem Entwickelungs-Einwand macht, gerade zu einem Entwickelungs-Ideal, und man muß sich sagen: Wie ich in meiner Kindheit für das Erdendasein ein Gedächtnis entwickelt habe, so muß ich auch weiterhin ein Gedächtnis entwickeln für die wiederholten Erdenleben. — So kommen wir zu der beruhigenden Tatsache, welche allerdings gewöhnliche Philisterseelen nicht teilen werden, daß wir noch viele Menschheits-Ideale vor uns haben, nicht nur jene, die wir mit dem gewöhnlichen Bewußtsein uns bilden können, sondern außerdem auch noch dasjenige Ideal, was wir als das Gedächtnis für die vorhergehenden Erdenleben uns erringen müssen. Ich sage, das ist eine Tatsache, welche gewöhnliche Philisterseelen nicht mit der Geisteswissenschaft teilen können. Denn ich las erst vor kurzem einen Ausspruch eines Menschen, der gegenwärtig viel geschätzt wird, der meinte, es könnten nicht alle Welträtsel vom menschlichen Verstande gelöst werden, und es könnte auch nicht die Forderung des Guten vom Menschen erfüllt werden, denn wenn alles erfüllt würde, und alle Rätsel gelöst würden, so hätte ja der Mensch nichts mehr auf der Erde zu tun. — Der betreffende Mann kann sich nicht vorstellen, daß die Entwickelung über die gegenwärtige Stufe noch hinausgeht, so daß der Mensch damit neue Fähigkeiten und neue Aufgaben erhält, und daß auch für ein erhöhteres Bewußtsein neues Gutes kommt.

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Cite: GA 61/1912-03-21/p026 · edition original