Jakob Böhme
Man kann von vielen Leuten sagen, die der Frage nach dem Ursprunge des Bösen nachgegangen sind: sie haben den Urgrund des Bösen gesucht. Das ist nun charakteristisch für Jakob Böhme, daß er weiter geht als bis zu jenem Punkte, bis zu dem man nach der Meinung vieler Leute einzig und allein gehen kann. Denn wohin soll man noch gehen, wenn man bei diesem Urgrunde nicht stehenbleiben will? Jakob Böhme geht über den Urgrund hinaus, da er die Frage nach der Bedeutung des Bösen lösen will. Er geht zu dem, was er bedeutsam nicht den Urgrund, sondern den Ungrund nennt, und hier stehen wir tatsächlich vor einem Erlebnis der menschlichen Seele in Jakob Böhme, das man im höchsten Maße bewundern kann, wenn man ein Organ dafür hat. Gewiß, die gewöhnliche Seele, die in der modernen Weltanschauung wurzelt, wird dieses Organ vielleicht nicht haben; aber man kann dieses Organ haben, das Bewunderung empfindet, wo bei Jakob Böhme der Übergang gemacht wird vom Urgrunde zum Ungrunde. Im Grunde genommen ist es doch etwas wie das «Ei des Kolumbus», etwas höchst Einfaches. Denn in dem Augenblicke, wo Jakob Böhme das Weltenrätsel sich so gelöst hatte, wie wir es eben charakterisiert haben, als er sich klar war, es ist ein Verhältnis zwischen Gott und Welt wie zwischen der Seele und den Leibesgliedern, da konnte er sich auch sagen — er hat nicht diese Worte gebraucht, aber wir wollen in seinem Geiste, weniger in seinen Worten charakterisieren, denn wir kommen dadurch seinem Verständnisse näher —: Als die Welt als Gegenwurf der Gottheit zustande gekommen ist, da ist in dem Gegenwurfe die «Schiedlichkeit» aufgetreten, die Unterschiede der Glieder, wie wir sagen würden. Die Schiedlichkeit der einzelnen Leibesglieder gegenüber der einzelnen Seele ist aufgetreten. Ist nicht jedes einzelne Leibesglied in bezug auf Verrichtungen der Seele gut? Können wir nicht sagen: Die rechte Hand ist gut, die linke Hand ist gut, alles ist gut, insofern es den Verrichtungen der Seele dient? Aber kann die rechte Hand nicht wegen ihrer relativen Selbständigkeit, ja, gerade wegen ihrer Güte, die linke Hand verletzen? Da haben wir gegen das, was Harmonie ist, hingestellt die Selbständigkeit des Leiblichen, dasjenige, was «keinen Grund» zu haben braucht, haben das hineingestellt in den Urgrund, was sich einfach dadurch ergibt, daß wir vom «Urgrunde» zum «Ungrunde» gehen.