13. Die Moral im Lichte der Geistesforschung
So sehen wir, wie Menschen, die von verschiedenen Standpunkten ausgehen, eine solche Handlung ganz verschieden beurteilen könnten und gar nicht das zu treffen brauchten, was in der Seele als der wahre Impuls lebte. Herman Grimm ergeht sich über diesen Fall besonders aus dem Grunde, weil er nachweisen will, wie sehr moralische Urteile mit einer gewissen Reserve aufzunehmen sind, wenn sie uns über eine solch bedeutende Persönlichkeit zum Beispiel in Memoiren entgegentreten. Alle solche Urteile könnten uns ja in Memoiren entgegentreten, denn es hat sich dieganzeSache, die ich hier vorbrachte, wirklich in einer ähnlichen Lage abgespielt, nämlich mit dem großen Dichter Lord Byron. Und bei Besprechung eines seiner Memoirenschreiber, der mit Byron bekannt war, kommt Herman Grimm auf den Fall zu sprechen. Hier soll er aus dem Grunde angeführt werden, weil dadurch so recht anschaulich wird, was sich alles vorlagert an Lebensurteilen, die wir auf ganz verschiedene Weisen gewonnen haben, wenn wir darangehen, irgendeine moralische Tat eines Menschen zu beurteilen. So muß man tatsächlich sagen, ist es schon im allgemeinen im Sinne Schopenhauers schwierig, Moral zu begründen, so wird es geradezu zu etwas Unmöglichem, im einzelnen Falle sich mit einem abschließenden moralischen Urteile so dem Seelenleben eines Menschen zu nähern, daß dieses abschließende moralische Urteil wirklich den Tatbestand treffen würde. Man sollte nun aber aus diesen Voraussetzungen heraus nicht etwa selber das Urteil gewinnen, als ob man der Moral gegenüber gleichgültig zu sein habe. Im Gegenteil! Wer das Leben in seiner Ganzheit erfaßt, wird trotzdem die Moral als das Heiligste im Menschenleben ansehen und dabei zu dem Urteile kommen, daß das Heiligste im Menschenleben zugleich auch mit einer heiligen Scheu angefaßt werden muß. Denn es ist in vieler Beziehung eine Vermessenheit, sich einem anderen Menschen mit einem moralischen Urteile gegenüberzustellen, in Anbetracht des Umstandes, wie vieles die eine Seele von der anderen trennt. Stellen wir, nachdem diese Voraussetzungen gemacht worden sind, nun dasjenige hin, was über den Charakter der Geisteswissenschaft in diesen verschiedenen Vorträgen hier vorgebracht ist. Geisteswissenschaft führt uns auf der einen Seite tiefer in die geistigen Grundlagen der Dinge hinein. Aber wir haben zugleich gesehen, wodurch sie dazu imstande ist: Es ist dadurch möglich, daß wir tieferliegende Kräfte unseres Seelenlebens bloßlegen, so daß wir die geistigen Untergründe der Welt nur dadurch erfassen, daß wir die in den Tiefen der Menschenseele schlummernden Kräfte heraufholen. Wir nähern uns also gerade mit den Methoden der Geistesforschung den tieferen Untergründen des menschlichen Seelenlebens, jenen Untergründen, aus denen in oftmals so geheimnisvoller Weise die moralischen Impulse hervorquellen. Und die Frage muß sein: Was geschieht, wenn in den Seelenuntergründen jene Forschungen, welche diese Seelenuntergründe heraufholen wollen, zusammentreffen mit den moralischen Impulsen? Ist es ja doch im gewöhnlichen alltäglichen Leben der physischen Welt so, daß zu der allereinfachsten Menschenseele, zu der ungelehrtesten Menschenseele die moralischen Impulse mit einer großen Sicherheit aus den Tiefen herauf sprechen können. Und gar manchen hochgelehrten Menschen, gar manchen, der sich vielleicht zu den Philosophen zählt oder ein Wissenschaftler ist, kann auf moralischem Gebiete eine einfache Persönlichkeit beschämen, welche in bezug auf Erkenntnis nicht viel ihr eigen nennt, und die dennoch aus den Tiefen ihrer Seele heraus in den schwierigsten Fällen aufopferndste Taten echter Menschenliebe zu vollführen vermag. Gewöhnliches Wissen, äußere physische Erkenntnis, braucht gewiß nicht in die Tiefen hinunterzuführen, aus denen die moralischen Impulse hervorquellen, die Impulse, aus denen Moral begründet werden soll.