13. Die Moral im Lichte der Geistesforschung

GA 62/1913-04-03/p019 ·1913-04-03 · original (original)
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Wenn wir daher einem Menschen gegenübertreten, der bei jeder Gelegenheit sagt: Da und dort hat sich dieses oder jenes ereignet, das finde ich abgeschmackt; da oder dort hat sich etwas ereignet, das finde ich nicht gut; da oder dort hat sich etwas ereignet, das finde ich häßlich, das finde ich schön — und wie die Abstufungen alle lauten mögen, so ist ein solcher Mensch auf keinem guten Wege zum Hinaufdringen in die geistigen Welten. Er ist vielmehr auf einem guten Wege, wenn er sich bemüht, ein solches Urteilen zu unterdrücken und schlicht und einfach die Tatsachen erzählt, wenn er hinschaut auf die Tatsachen und diese für sich sprechen läßt und sich zum Grundsatz macht: Wenn ich jemandem mein Urteil aufdränge, so ist es eben mein Urteil — dann ist er nicht nur angewiesen, mir zu glauben, daß es Wahrheit ist, was ich sage, sondern auch, daß ich ein Urteil habe. Wenn ich mich aber anschicke, dem Menschen zu erzählen, was ich da und dort getroffen habe, so kann er sich selber sein Urteil bilden. Je mehr man sich zu der letzteren Art zwingt, die Welt anzuschauen und die Dinge zu erzählen, desto mehr stattet man sich mit dem Tatsachensinn aus und bereitet sich für die imaginative Erkenntnis vor. Wer sich für das imaginative Erkennen vorbereiten will, sollte sich, vor allem der Denkweise nach, abgewöhnen, bei jedem Erlebnis zugleich zu sagen: Ich finde die Dinge so oder so. — Er sollte es für unwesentlich halten, was er über die Dinge finden kann und sollte sich bemühen, nur das Werkzeug zu sein, durch welches die Dinge oder Tatsachen sprechen.

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Cite: GA 62/1913-04-03/p019 · edition original