13. Die Moral im Lichte der Geistesforschung
Schopenhauer war ja keineswegs Geisteswissenschaftler in dem Sinne, wie Geisteswissenschaft hier gemeint ist. Daher legt sich auch für ihn die Seele, die in ihre Tiefen heruntersteigt, nicht so auseinander, daß sie eine Dreiheit von Kräften entwickelt, die den drei Stufen der Erkenntnis — Imagination, Inspiration, Intuition — entspricht, sondern es verschmilzt für ihn alles. Die «Seele» ist ein Nebuloses aller in ihren Tiefen lebenden Kräfte. So kann auch Schopenhauer nicht die moralischen Tugenden auseinanderlegen, deren Ausbildung die Vorbereitung sein muß für eine geistige Schulung: Tatsachensinn als Grundlage der Tugend der Wahrhaftigkeit für die Imagination, Starkmut als Grundlage für das, was zur Inspiration führt, und das dritte — was Schopenhauer gründlich erörtert -, das in den Tiefen der Seele schlummert, und das man im allgemeinen nennen kann Interesse für Umwelt und Umwesen. Aber Schopenhauer macht auf etwas anderes aufmerksam, und hier ist er in einem gewissen Sinne tief genial. Er macht auf das aufmerksam, was in der Tat zu den wenigen Seeleneigenschaften und Seelenimpulsen gehört, die schon in der physischen Welt zeigen, wie eine gleichsam unterirdische Verbindung zwischen Seele und Seele unmittelbar besteht. Schopenhauer macht aufmerksam auf das Mitleid, man könnte besser sagen auf das Mitgefühl. Man braucht ja nur das Wort Mitleid, Mitgefühl erwähnen, von dem Schopenhauer sagt, daß es in jeder Seele vorhanden sein muß, diemoralisch genannt werden kann, so wird man erstens fühlen, daß mit diesem Mitgefühl etwas berührt wird, was in der Tat mit dem innersten moralischen Impuls zusammenhängt, mit dem, was wirklich Moral begründen kann. Auf der anderen Seite wird man fühlen, daß man mit dem Worte Mitgefühl etwas berührt hat, was eine in der physischen Welt schon vorhandene Intuition ist, ein Sich-hinüber-Versetzen der eigenen Seele in die andere Seele. Ein Beweis, daß eine unterphysische Verbindung zwischen Seele und Seele besteht, ein Beweis, daß der Geist mit seinen Kräften zwischen Seele und Seele vorhanden ist, ein Beweis dafür ist für jeden, der die Welt sinnig betrachten kann, das, was mit dem Worte Mitleid bezeichnet werden kann.