13. Die Moral im Lichte der Geistesforschung

GA 62/1913-04-03/p027 ·1913-04-03 · original (original)
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Mit Recht nennt daher Schopenhauer — und nannten es viele andere, die in diese Dinge hineinblickten — Mitleid, Mitgefühl das eigentliche Mysterium der Menschenseele, das schon hier in der physischen Welt beobachtet werden kann. Denn es hat etwas unendlich Tiefes, wenn eine Seele, die in einem Leibe eingeschlossen ist, etwas fühlt, worüber sich die andere Seele freut, oder wodurch die andere Seele leidet, so daß in dem Herüber- und Hinübergehen der Kräfte der einen Seele zur anderen Seele wirklich eine Art geistigen Mysteriums schon hier in der physischen Welt gegeben ist. Daher sagt Schopenhauer: Man mag noch so viel Moral predigen: begründet ist Moral auf dieses Leben der einen Seele in der anderen Seele, begründet ist Moral doch nur auf Mitgefühl, oder auf Mitleid. -— Daher kann man eigentlich ganz gut sagen, im Sinne Schopenhauers wäre so viel Moral in der Welt, als Mitgefühl vorhanden ist. Mit einem gewissen Recht machte Schopenhauer darauf aufmerksam, daß es unerträglich wäre, den Satz zu hören: «Dieser Mensch ist tugendhaft, aber er kennt kein Mitleid.» Schopenhauer meint: Jeder wird die Unmöglichkeit verspüren, daß ein solcher Satz ausgesprochen werden könnte, daß Tugendhaftigkeit und Mitleidlosigkeit in einer Seele verbunden sein könnten. Also meint Schopenhauer, es sei unerträglich, den Satz zu hören: «Er ist ein ungerechter und boshafter Mensch, jedoch ist er sehr mitleidig», obwohl man ja sagen kann, daß die Innengründe der menschlichen Seele manchmal so verworren sind, daß man auch das erfahren kann, wie jemand ohne Zweifel recht schlimme, untugendhafte Taten verrichten und doch ein gewisses Gefühl entwickeln kann, zum Beispiel für Tauben und ähnliche Tiere. Im großen und ganzen aber kann man doch sagen, daß Schopenhauer hier an die Tiefen der Moralbegründung rührt, wo er von Mitleid spricht.

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