13. Die Moral im Lichte der Geistesforschung
So wird man erst gewahr, wenn man vor dem charakterisierten erschütternden Ereignisse steht, wie jedes Sichnähern dem Geiste zugleich ein Sichnähern den moralischen Forderungen ist. So hat man wieder durch die Erfahrung etwas, was Plato, den großen griechischen Philosophen, rechtfertigt, wenn er das Göttliche «das Gute» nennt. Wenn man den Naturerscheinungen gegenübersteht, so wird man über sie ein um so richtigeres Urteil gewinnen, je mehr man sich ihnen gegenüber des moralischen Urteils enthält. Wer wollte etwa einen Salzkristall oder eine Pflanze, die in ihrer Entwicklung verkümmert sind, deshalb moralisch beurteilen? In der gewöhnlichen physischen Welt laufen die natürliche und die moralische Weltordnung ineinander, so daß man die Tiefe der moralischen Weltordnung erst verspürt, wenn man gewahr wird, daß man nur mit moralischer Stärke wirklich in die geistige Welt eingelassen wird. Daher gilt es als ein Grundsatz der geistigen Welt, und das ist wieder eine Erfahrung: Bis zum Hüter der Schwelle kann jeder kommen; an ihm vorbeikommen kann nur der, welcher durch seine moralische Kraft an ihm vorbeikommt. Wer aber nur bis zu ihm kommt und dann zurückgehen muß, der hat dann eine geistige Welt vor sich, die nur das Spiegelbild seiner eigenen Innenwelt ist. So kann jemand glauben, daß er eine ganze geistige Welt vor sich habe, kann den anderen Menschen auch vormachen, was er als geistige Welt vor sich zu haben meint. Und die anderen Menschen können es glauben, daß es eine geistige Welt sei, die der Wahrheit entspreche. - Wenn er nicht vermocht hat, durch seine moralische Kraft und durch seine moralische Seelenverfassung an dem Hüter der Schwelle vorbeizukommen, dann ist seine geistige Welt nicht von Wahrheit, nicht von Objektivität durchdrungen. Daher wird es sich von selbst ergeben, daß jede wirkliche Erkenntnis der geistigen Welt eine solche Darstellung der geistigen Verhältnisse geben wird, welche durch die Art der Darstellung in der Seele zugleich nicht bloß Moral predigt, sondern Moral begründet.