Michelangelo und Seine Zeit vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft

GA 63/1914-01-08/p012 ·1914-01-08 · original (original)
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Das ist der bedeutsame Übergang der alten zur neuen Zeit — und Michelangelo ist von diesem Gesichtspunkte aus sein bedeutsamster Träger — das ist der bedeutsame Übergang, daß die griechischen Künstler Kunstwerke geschaffen haben, die zu uns sprechen, so, daß sie gleichsam die äußere Welt negieren, daß sie für sich dastehen, wie in sich abgeschlossen und auf unsere Seele wie von einer anderen Welt aus wirken. Michelangelo dagegen stellt seine Gestalten in dieselbe Welt hinein, in die wir selber hineingestellt sind; sie leben mit uns da drinnen. Und in einem übertragenen Sinne könnte man sagen: während die griechischen Bildwerke nur Seelenluft, die Luft der Götter atmen, atmen die Gestalten Michelangelos die Luft der Welt, in der wir selber leben. Nicht darauf kommt es an, ob man die Schlagworte Idealismus oder Realismus gebraucht, sondern daß man einsieht, wie Michelangelo der bedeutendste Künstler ist, der die Gestalten herausholt aus der Seele und sie hineinstellt ganz ins Erdendasein, so daß sie wie Lebewesen unter den Menschen dastehen.

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