{"corpus":"steiner","locus":"GA 63/1914-01-15/p018","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nun gibt es ja auch andere Denker, die noch weiter als etwa Plotin hineinzuschürfen versuchten in das, was schon Untergründe des Daseins sind, die nur zu erreichen sind durch eine gewisse Entwickelung der Seele zu höherem Erkenntnisvermögen hinauf. Ein solcher Denker ist Jakob Böhme. Und nähert man sich Jakob Böhme, so nähert man sich allerdings einem Geiste des sechzehnten, siebzehnten Jahrhunderts, in den nicht viele mehr in unserer Zeit eindringen wollen, obwohl man ihn heute wieder als eine Art Kuriosität betrachtet. Jakob Böhme versuchte einzudringen in die Tiefen der Welt und ihre Erscheinungen bis dahin, wo er in sich selber etwas aufgehend fühlte wie eine Art Theosophie, von einer Art Gottesanschauung im eigenen Innern; und nun versuchte er sich klar zu machen, wie das Böse und das Übel hinein zu verfolgen sind bis in die tiefsten Untergründe der Welt, wie Übel und Böses nicht bloß etwas Negatives sind, sondern gewissermaßen in den Untergründen des Welt- und Menschendaseins wurzeln. Das göttliche Wesen sieht Jakob Böhme so an, daß in ihm, wie er sagt - man muß sich an seine Ausdrucksweise erst gewöhnen - eine «Schiedlichkeit» auftreten muß. Ein Wesen, welches gleichsam seine Tätigkeit nur hinausfluten läßt in die Welt, könnte nie zum Erfassen seiner selbst kommen. Es mußte sich diese Tätigkeit an irgend etwas, man möchte sagen, stoßen. Im kleinen nehmen wir im Grunde genommen jeden Morgen beim Aufwachen das wahr, was Jakob Böhme in diese seine Vorstellung einbezieht. Wenn wir aufwachen, sind wir gewissermaßen in der Lage, aus unserm Geistig-Seelischen in unbegrenzte Weiten hinaus unsere geistig-seelische Tätigkeit zu entfalten. Da stoßen wir mit unserer geistig-seelischen Tätigkeit an unsere Umgebung. Dadurch, daß wir an unsere Umgebung stoßen, werden wir unser selbst gewahr. Der Mensch wird überhaupt nur in der physischen Welt seiner selbst gewahr, indem er sich sozusagen an den Dingen stößt. Das göttliche Wesen kann kein solches sein, das sich an anderen stößt. Es muß seinen Widerpart, oder wie Jakob Böhme in vielen Wendungen sich ausdrückt, sein «Nein» seinem «Ja» gegenüber sich selbst setzen. Es muß seine ins Unendliche hinausflutende Tätigkeit in sich begrenzen. Es muß in sich «schiedlich», das heißt unterschieden werden, muß sich gleichsam an einem bestimmten Punkte des Umkreises seiner Tätigkeit den eigenen Gegensatz erschaffen; so daß sich für Jakob Böhme notwendig das göttliche Wesen, damit es seiner selbst gewahr werden kann, selbst seinen Widerpart erschafft. Durch die Teilnahme nun eines kreatürlichen Wesens, meint Jakob Böhme, nicht nur an dem, was von dem göttlichen Wesen herausströmt, sondern was sich das göttliche Wesen notwendigerweise als seinen Widerpart schaffen muß, entsteht das Böse, entstehen überhaupt alle Übel in der Welt. Das göttliche Wesen setzt sich seinen Widerpart, um seiner selbst 'gewahr zu werden. Da kann noch nicht vom Übel und vom Bösen gesprochen werden, sondern nur von den notwendigen Bedingungen des Gewahrwerdens des Göttlichen seiner selbst. Aber indem Kreatürliches entsteht, und indem dieses Kreatürliche sich nicht bloß hineinbettet in das hinausflutende Leben, sondern teilnimmt am Widerpart, entsteht das Böse und das Übel.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Das Böse im Lichte der Erkenntnis vom Geiste","site_heading":null,"date":"1914-01-15","location":null,"word_count":493,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/63/1914-01-15/p018","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/63/1914-01-15/p018"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/63/1914-01-15/p018","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}