Zwischen Tod und Wiedergeburt des Menschen

GA 63/1914-03-19/p003 ·1914-03-19 · original (original)
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Das heutige Thema ist innerhalb dieser Serie von Vorträgen gewiß das gewagteste, und trotzdem möchte ich auch einmal über diesen ganz besonderen Gegenstand geisteswissenschaftlicher Forschung, der heute hier zur Sprache kommen soll, einige Bemerkungen machen. Ich darf gegenüber dieser verehrten Zuhörerschaft, die zum Teil durch viele Jahre bei diesen Vorträgen anwesend war, die Voraussetzung machen, daß schon einmal auch ein so spezieller Gegenstand geisteswissenschaftlicher Forschung hingenommen werden wird, nachdem ich mich so oftmals bemüht habe, in einer mehr allgemeinen Art die möglichen Beweise und Belege für das Berechtigte dieser Geistesforschung hier vorzubringen. Von allen diesen Beweisen und Belegen muß heute selbstverständlich Abstand genommen werden. Denn was zu sagen sein wird über des Menschen Leben zwischen Tod und Wiedergeburt, wird im wesentlichen so zu sagen sein, daß die entsprechenden geisteswissenschaftlichen Ergebnisse, wie sie sich dem Forscher darbieten, gleichsam in erzählender Form gegeben werden. Trotzdem das, was zu sagen sein wird, dem Gegenwartsbewußtsein gewisse begriffliche Schwierigkeiten machen wird, trotzdem es klar ist, daß das heutige Zeitbewußtsein sich noch im allerumfassendsten Sinne ablehnend verhalten muß gegen solche, wie es heißt, «angeblichen» geisteswissenschaftlichen Forschungsresultate, so möchte ich doch einleitend folgende Bemerkung machen. Ich bin mir wohl bewußt, in dem Zeitalter zu sprechen, das mehr als sechzig Jahre die große Entdeckung Julius Robert Mayers von der Umwandlung der Naturkräfte hinter sich hat, mehr als ein halbes Jahrhundert die großen Entdeckungen hinter sich hat, die durch Darwin kamen, das die großen Erfolge der Naturwissenschaft erlebt hat zum Beispiel durch die Spektralanalyse, die Errungenschaften der Astrophysik und in der neueren Zeit die der experimentellen Biologie. Voll stehend auf dem Boden der Anerkennung dieser naturwissenschaftlichen Ergebnisse, möchte ich trotzdem über das sprechen, was den Gegenstand des heutigen Themas bildet, trotz des Widerspruches, den es bei denjenigen hervorrufen muß, die da glauben, nur unter Ablehnung geisteswissenschaftlicher Forschung und geisteswissenschaftlicher Überzeugung auf dem festen Boden der Naturwissenschaft stehen zu können. Und noch ein zweites möchte ich einleitend bemerken. Würde ich nicht klar wissen, wie innerhalb strengster geisteswissenschaftlicher Methodik, strengster wissenschaftlicher Forderung das, was über das Leben zwischen Tod und Wiedergeburt des Menschen gesagt werden soll, ebenso haltbar ist wie die Ergebnisse der genannten naturwissenschaftlichen Kapitel, so würde ich es in gewissem Sinne für eine Leichtfertigkeit, um nicht zu sagen Frivolität ansehen, vor dieser Versammlung über geisteswissenschaftliche Forschungsresultate zu sprechen. Denn ich bin mir der Verantwortung voll bewußt, gerade über diese Gebiete in einem heutigen wissenschaftlichen Sinne zu sprechen. Allerdings: selbst die ganze Art und Weise, wie die Seele zur Wahrheit und Wahrhaftigkeit des Forschens stehen muß, wenn sie die geisteswissenschaftliche Forschung unbefangen aufnehmen will, selbst diese Art und Weise der Seelenstimmung ist heute noch wenig populär. Ganz kurz möchte ich zuerst auf diese Seelenstimmung, auf diese Seelenverfassung eingehen, die beim Geistesforscher und in gewissem Sinne auch bei demjenigen vorhanden sein muß, der geisteswissenschaftliche Forschungsresultate in ihrer Wahrheit anerkennen soll und will.

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