Zwischen Tod und Wiedergeburt des Menschen
Ein ganz anderes Verhalten zur Wahrheit und Wahrhaftigkeit, zur menschlichen Erkenntnis ist notwendig, als es unserer Zeit liegt. Wer geisteswissenschaftliche Resultate mit den Methoden, die in diesen Vorträgen erörtert worden sind, gewinnen will, der muß vor allen Dingen mit einer heiligen Scheu, mit einer unbegrenzten Ehrfurcht dem gegenüber stehen, was Wahrheit, was Erkenntnis genannt werden kann. Wie leicht nimmt man in unserer Zeit als Seelenverfassung gegenüber der Wahrheit diejenige hin, die über alles, was sich eben dem Menschenleben darbietet, von vornherein eine Entscheidung treffen will, so eine Entscheidung treffen will, daß sie voraussetzt: ich kann mit den Seelenfähigkeiten, die mir gegeben sind in der Seelenverfassung und Seelenstimmung, in welcher ich einmal bin, mir ein Urteil erlauben über das, was über die Gebiete des Daseins und der Wirklichkeit gesagt werden kann. Der Geistesforscher und derjenige, welcher seine entsprechenden Ergebnisse entgegennehmen will, braucht doch eine andere Seelenverfassung; er braucht diejenige Seelenverfassung, welche sich sagt: Um die Wahrheit zu empfangen, um der Wahrheit teilhaftig zu werden, bedarf meine Seele vor allem der Vorbereitung, bedarf des Sichhineinlebens in eine Verfassung, die über das alltägliche Leben hinausgeht. Und wenn man in der Geisteswissenschaft drinnensteht -obwohl ich Sie bitte, diesen Ausdruck nicht in einem asketischen oder sonstigen Sinne mißzuverstehen —, so fühlt man gar sehr, ich möchte sagen, wie unmöglich die alltägliche Seelenverfassung ist, um wirklich mit der Wahrheit, mit der Erkenntnis leben zu können. Man fühlt die Erkenntnis wie etwas über einem Schwebendes, dem man sich nahen kann, wenn man gleichsam über sein gewöhnliches Selbst hinausgeht, wenn man alle in einem liegenden Kräfte anstrengt, um sich vorzubereiten, die Wahrheit würdig zu empfangen. Als unwürdig fühlt man es, wenn man unter Zugrundelegung der alltäglichen Seelenverfassung sich ein Urteil über die Wahrheit erlauben will - das ist etwas, was man aus der Geisteswissenschaft heraus wissen kann -, und man strebt dann darnach, zu warten, bis die Seele wieder in ihrer Vorbereitung ein Stückchen vorwärts gekommen ist, bis sie in sich jene Kraft und würdige Empfängnis vorbereitet, die der Wahrheit und Erkenntnis gegenüber berechtigt ist. Und oftmals fühlt man sich so, daß man sich sagt: Lieber warte ich noch, lieber gedulde ich mich und lasse die Wahrheit über mir schweben, ich darf nicht in sie hinein; denn würde ich jetzt in sie hineintreten, so würde ich sie mir vielleicht dadurch verderben, daß ich noch nicht reif für sie bin.