Zwischen Tod und Wiedergeburt des Menschen

GA 63/1914-03-19/p012 ·1914-03-19 · original (original)
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In einer anderen Weise als die Gedankenwelt verändert sich nach dem Tode dasjenige, was wir die Willenswelt, die Gefühlswelt nennen können. Eigentlich kann man nach dem Tode gar nicht von einer solchen Trennung von Gefühlsleben und Willensleben sprechen, wie man das im Leben zwischen Geburt und Tod kann; daher muß ich schon die Ausdrücke gebrauchen: Es ist in der Seele nach dem Tode etwas vorhanden wie ein wollendes oder begehrendes Gefühl, oder wie ein ganz von dem Gefühl durchdrungener Wille. Die Ausdrücke, die wir für Gefühl und Wille haben, passen nicht für die Zeit nach dem Tode. Für diese Zeit ist das Gefühl viel mehr demjenigen ähnlich, was man im Willen erlebt; und der Wille ist viel mehr von Gefühl durchdrungen, als im Leben zwischen Geburt und Tod. Während die Gedanken nach dem Tode gleichsam eine Welt außer der Seele werden, muß man von dem gewollten Gefühl und dem gefühlten Willen sagen, daß diese sich viel enger und intimer mit der Seele zusammenbinden. Und nun beginnt mit der Seele außer dem angedeuteten Teil des Selbstbewußtseins noch dieses: daß sie sich erlebt in einem erstarkten und erkrafteten, gefühlten Wollen und einem gewollten Gefühl. Das bildet ein unendlich intensiveres Innenleben, als das Innenleben der Seele ist, wenn sie im Leibe lebt. Der Mensch fühlt, wenn die Gedanken sich entfernt haben, zunächst lange Zeit, eine Zeit, die nach Jahrzehnten dauern kann, als seine hauptsächliche Welt sein Inneres. Dieses sein Inneres wird so mächtig, daß er wenn ich das Wort gebrauchen darf, obwohl es auch nicht recht für das post mortem-Leben paßt -, die Aufmerksamkeit auf das richten muß, was da im Innern als das gefühlte Wollen und gewollte Fühlen aufstrebt. Und nach Jahren dauert es, daß dieses gefühlte Wollen oder gewollte Gefühl wie zurückschaut auf das verflossene Erdenleben. Die Menschenseele fühlt nach dem Tode etwas wie ein Verlangen, wie ein Hinneigen nach dem gefühlten Wollen und gewollten Gefühl, und damit nach dem, was das letzte Leben geboten hat. Jedes Leben ist ja so, daß man sagen kann: es bietet uns so manches, aber die Möglichkeiten des Erlebens sind weit größer als das, was der Mensch in Wirklichkeit in sich aufnimmt. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, so fühlt er wollend, oder er will fühlend alles das durchleben, was er, ich kann nicht sagen, weiß, sondern von dem er fühlt: Du hättest es noch erleben können. Alle die unbestimmten Affekte, alles an möglichen Erlebnissen, was uns das Leben hätte bringen können und nicht gebracht hat, das alles tritt herein in den Zusammenhang mit dem vorherigen Leben, in das, was die Seele durchmacht. Insbesondere das, was die Seele nach ihrer Empfindung hätte tun sollen, tritt als starke, als intensive innere Erlebnisse auf. Was etwa die Seele schuldig geworden ist gegenüber anderen Menschen, was sie gegen andere verstoßen hat, das alles tritt auf als das Gefühl der mangelnden Liebe, der wir uns im Leben zwischen Geburt und Tod gar nicht bewußt sind; das wird intensiv empfunden.

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Cite: GA 63/1914-03-19/p012 · edition original