Zwischen Tod und Wiedergeburt des Menschen
Aber dann kommt eine Zeit, wo man die innere Leuchtekraft abnehmen fühlt. Das geschieht, wenn man der Mitte der Zeit zulebt zwischen Tod und nächster Geburt. Da erlebt man so, daß man fühlt: Jetzt wird die innere Leuchtekraft immer geringer und geringer; jetzt kannst du immer weniger und weniger von dem, was um dich herum ist, beleuchten. Immer dämmeriger und dämmeriger wird es, und die Zeit rückt heran, wo dann jene Zeiten immer bedeutender werden, in welchen das innere Erleben intensiver und intensiver wird, wo das, was man schon erlebt hat an innerem Erleben, auf- und abwogt. Reicher und reicher wird das innere Erleben, in der Überschau wird es dunkler und dunkler, bis es der Mitte der Zeit zwischen Tod und Wiedergeburt zugeht, wo man das erlebt, was ich in meinem Mysteriendrama «Der Seelen Erwachen» die geistige Mitternacht genannt habe. Denn da erlebt man eine Zeit, wo man erfüllt ist von der geistigen Welt, wo man aufwacht, aber aufwacht in die «Nacht», wo man sich erlebt wie abgeschlossen in der geistigen Welt. Es ist ein Gefühl intensivsten In-sich-Erlebens in der Mitte zwischen Tod und Wiedergeburt. Dieses In-sich-Erleben bringt einen Zustand hervor, von dem man sagen muß: er ist auf die Dauer für die Seele unerträglich. Es ist ein Wissen von einem Wissen, das unerträglich ist, das man nicht haben will, weil es nur Wissen ist. Man fühlt in sich: Du trägst eine Welt in dir, die du nur wissend erlebst, indem du weißt, daß du in der Realität von ihr abgeschlossen bist; du hast die Leuchtekraft über sie verloren. Die Nacht in der geistigen Welt tritt ein. Aber in diesem Zustande haben wir Erlebnisse, die sonst im Leibe des Erdenlebens nur seelisch passiv sind. Die werden jetzt zu etwas Aktivem. Und während man sich so immer mehr und mehr in die Dämmerung und endlich in die Nacht der geistigen Welt hineinlebt, wird die Sehnsucht nach einer Außenwelt immer größer und größer; und während die Sehnsucht, der Wunsch nach der Welt des Erdenlebens etwas ist, was von außen seine Befriedigung finden muß, ist das, was man so erlebt in der geistigen Mitternacht als Sehnsucht, eine Kraft, die sich ausbildet, wie sich bei uns unter entsprechenden Bedingungen die elektrische oder magnetische Kraft ausbildet. Es ist eine Sehnsucht in der Seele, die eine neue Kraft gebiert, eine Kraft, welche wieder eine Außenwelt vor die Seele hinzaubern kann. Immer mehr und mehr hat sich ja die Seele in eine geistige Innenwelt hineingelebt; diese ist immer größer und größer, immer gewaltiger und gewaltiger geworden. Aber in ihr lebt die Sehnsucht, wieder eine Außenwelt um sich zu haben. Diese Sehnsucht ist eine aktive Kraft, und dies, wozu es die Sehnsucht bringt, ist eine Außenwelt, aber eine von ganz eigentümlicher Art.