{"corpus":"steiner","locus":"GA 63/1914-03-19/p026","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Als Geistesforscher steht man mit Teilnahme allem Leben gegenüber. Nehmen wir an, man schaue sich als Geistesforscher ein Verbrecherleben an, das im umfassendsten Sinne gegen die menschliche Ordnung gerichtet ist. Man kann, selbst wenn man die Schuld nicht ableugnen will, das tiefste Mitleid mit einem solchen Leben haben und es erklären wollen aus seinem Lebenszusammenhange heraus. Wenn man sich bemüht, für eine solche Frage eine Antwort zu gewinnen, so stellt sich die Antwort so heraus, daß Menschen eigentlich zum Unrecht, zum Verbrechen kommen, die nicht in der Lage sind, durch die angedeuteten Verhältnisse das Leben in seinem vollen Gewicht zu nehmen. Ich habe mich überzeugt, indem ich bis zu der sogenannten Verbrechersprache diesen Dingen nachgegangen bin, daß selbst darin etwas liegt von einem Nicht-wichtigNehmen, von einem Unterschätzen und Verachten des Lebens. Ein solches Nicht-wichtig-Nehmen braucht nicht im Vollbewußtsein zu liegen. Das Vollbewußtsein weiß oft wenig von dem, was in den Tiefen der Seele vorhanden ist. Der Verbrecher entwickelt oft ein starkes Selbstgefühl, er will das Leben; aber in den Tiefen der Seele, zu welchen das Bewußtsein nicht hinunterdringt, da lebt die Lebensverachtung. Daß er nicht den Ort erreicht hat, bis zu dem seine fortgegangenen Gedanken gegangen sind, das ist der Grund, weshalb er das Leben nicht voll ernst nimmt. Man suche in dem Leben von Verbrechern, und man wird finden, daß verächtliche Stimmung gegenüber dem Leben da ist, bis in die Ausdrücke der Gaunersprache hinein. Ungeheuere Rätsel enthüllen sich da dem aufmerksamen Lebensbetrachter. Ich möchte sagen: geistige Frühgeburten sind es, die sich da entwickeln. Deshalb ist es, daß sie nicht die Kraft hatten, weil sie zu früh kamen, das Leben voll ernst zu nehmen, um das im Leben zu entwickelnde Verantwortlichkeitsgefühl im ganzen Sinne des Wortes zu entwickeln. Ein Leben, das wenigstens annähernd bis zu jenem Zeitpunkte gelangt ist, bis wohin die in objektive Wesenheiten verwandelten Gedanken vorangeeilt sind, das wächst am innerlichsten mit dem Erdenleben zusammen; das wächst zusammen mit den Kräften, die nur auf der Erde ausgebildet werden können: des Gewissens, der Erdenliebe, der Verantwortung, das wächst zusammen mit alledem, was das Erdenleben wichtig nimmt, so daß sich Sittlichkeit, Moral entwickelt. Denn man muß gegenüber dem Erdenleben das Gefühl haben, daß man sich ganz mit ihm verbinden muß, wenn rechte Sittlichkeit, rechte Moralität in der Seele erwachsen soll. Das ist zum Beispiel eines, was uns erklärlich wird, wenn wir das menschliche Leben in dem Lichte betrachten, das die Geisteswissenschaft geben kann, und es bereichert in der Tat unsere Gefühle und Empfindungen dem Leben wie den Menschen gegenüber, weil wir, wenn wir sie verstehen, leichter zurechtkommen und uns dem Leben gegenüber leichter orientieren können.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zwischen Tod und Wiedergeburt des Menschen","site_heading":null,"date":"1914-03-19","location":null,"word_count":435,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/63/1914-03-19/p026","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/63/1914-03-19/p026"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/63/1914-03-19/p026","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}