Zwischen Tod und Wiedergeburt des Menschen

GA 63/1914-03-19/p031 ·1914-03-19 · original (original)
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Daß dies, was jetzt gesagt worden ist, heute dem Zeitbewußtsein noch sehr entgegengesetzt ist, habe ich am Anfang der heutigen Betrachtung bereits erwähnt. Wie sollte aber das Zeitbewußtsein in einer wohlgefälligen Weise zu dem hinblicken, was im heutigen und in anderen Vorträgen ausgeführt worden ist? Fühlt sich doch dieses Zeitbewußtsein auf der einen Seite voller Sehnsucht, etwas über die Seele zu wissen; auf der anderen Seite aber ist es wieder darauf erpicht, die Erkenntniskräfte einzuschränken, wenn man etwas wissen will. Man schilt die Geisteswissenschaft oft der Unlogik und des Aberglaubens. Nun, die Geisteswissenschaft kann das ertragen. Denn wenn sie auf die «Logik» blickt, die ihr glaubt gegnerisch sein zu müssen, dann weiß sie, woher es kommt, daß sich Geisteswissenschaft nur so langsam in die Gemüter der Menschen einleben kann. Und wiederum - ich habe so manches Buch und so manche zeitgenössische Erscheinung hier in den Vorträgen erwähnen müssen— kann ich auf ein Buch hinweisen, welches Gedanken über den Tod bringt. Dort findet sich ein merkwürdiges Wort, das ich nur aus formalen Gründen anführe: Die Unsterblichkeit kann nicht bewiesen werden. Selbst Plato und der auf ihm fußende Mendelssohn waren nicht in der Lage, die Unsterblichkeit und die Einfachheit der Seele zu erhärten; denn wenn man auch die Einfachheit der Seele zugeben will, so ist die Seele doch ein Gegenstand des inneren Beharrens, der unbewiesen und unbeweisbar ist. Man braucht sich auf die weiteren Ausführungen nicht einzulassen; denn wer imstande ist, den Satz hinzuschreiben: Plato und selbst Mendelssohn haben aus der Unzerstörbarkeit der Seele nicht ihre Unsterblichkeit beweisen können, der sollte auch nur gleich schreiben: Man kann aus der roten Farbe der Rose ihre Unsterblichkeit nicht beweisen. Denn wenn man von der Unsterblichkeit der Seele redet, dann kann man nicht, wenn man nicht gedankenlos ist, davon sprechen, daß sie nicht unsterblich ist, weil es nicht bewiesen werden kann. — Derlei Dinge werden heute hingeschrieben und stehen in einem Werke, das ein großes Publikum haben wird und auch hat, weil solche Bücher unsern Zeitgenossen gefallen, und weil über solche Dinge, wie sie eben charakterisiert worden sind, hinweggelesen wird. So wird über manches hinweggelesen, was prinzipiell ist bei dem, was sich am stärksten als Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft aufwirft. Wirft man der Geisteswissenschaft Unlogik vor, so schaue man sich vor allem seine eigene Logik an. Über alle anderen Einwände gegen die Geisteswissenschaft ist hier oft gesprochen worden; ich will deshalb nicht darauf zurückkommen, sondern nur anführen, was ich wie eine Schlußempfindung auch in andern Vorträgen schon vorgebracht habe:

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Cite: GA 63/1914-03-19/p031 · edition original