Zwischen Tod und Wiedergeburt des Menschen

GA 63/1914-03-19/p032 ·1914-03-19 · original (original)
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Man fühlt sich mit den Ergebnissen der Geisteswissenschaft doch immer wieder mit den allererleuchtetsten Geistern der irdischen Menschheitsentwickelung einig; haben sie auch Geisteswissenschaft nicht gehabt, denn sie ist erst in unserer Zeit so möglich, wie wir sie heute haben können, so haben sie doch jene Richtung geahnt, in welcher die Geisteswissenschaft sich bewegt. Und wenn auf der einen Seite manches monistische oder sonstige Gemüt von der Unbeweisbarkeit der Unsterblichkeit spricht, so möchte man als Geistesforscher doch auf einen Großen unter den ahnenden Geistern in dieser Beziehung hinweisen, mit dem man sich einig fühlt. — Was sagt denn die Geisteswissenschaft, wenn man sie dem Geiste nach nimmt, über das, was ich auszuführen versuchte? Sie zeigt uns dasjenige in uns, was sich schon zwischen Geburt und Tod so entwickelt, daß es, wenn es vom Leibe befreit wird, alle die Zustände durchmachen muß, die heute geschildert worden sind. Man lernt die Menschenseele, die im Menschenleibe ruht, auch zwischen Geburt und Tod nicht kennen, wenn man nicht weiß, wessen sie zwischen Tod und Wiedergeburt fähig ist. Wenn manche religiöse Bekenntnisse etwa die Geisteswissenschaft nicht mit sich im Einklang fühlen, weil sie eine erweiterte Gottesvorstellung schafft, so kann man diesen religiösen Bekenntnissen gegenüber nur sagen: Wie schwachmütig seid ihr mit eurer Gottesvorstellung, mit eurem religiösen Empfinden! Das kommt einem so vor, als wenn man dem Kolumbus gesagt hätte: Entdecke nicht Amerika, denn warum solltest du dieses unbekannte Land entdecken? In unserm Lande scheint die Sonne so schön; kann man wissen, ob sie in einem andern Lande ebenso schön scheint? — Da hätte der Vernünftige gesagt: Oh, so schön wie hier wird sie überall scheinen! - Der Geisteswissenschafter sieht, was ihm seine Gottesvorstellung ist. Und die ist so, daß er sie als groß empfindet, wie eine leuchtende Geistessonne! Und er weiß, daß schwachmütig sein muß die Gottesvorstellung, schwachmütig die religiöse Empfindung, schwachmütig der Glaube derjenigen, die da sagen: Der Gott, den wir in unserm religiösen Leben verehren, er wird nicht walten in den Welten des geisteswissenschaftlichen Forschers. Aber ist das religiöse Empfinden nur stark genug, so wird es von dieser. Gottesvorstellung des Geistesforschers auch das Leuchten in den Welten des Geistigen empfinden, und die Gottesvorstellung wird durch die Geisteswissenschaft ebensowenig Schaden erleiden, wie sie auch nicht durch Kopernikus und Galilei geschädigt worden ist. Aber die Geisteswissenschaft weiß, daß die Seele schon im Leibe sich für das Leben zwischen Tod und Wiedergeburt vorbereitet; und Sinn und Bedeutung bekommt das Leben zwischen Geburt und Tod, indem wir hinschauen auf das Dasein zwischen Tod und nächster Geburt. Dadurch fühlen wir uns im Einklange mit den Geistern, die zu den erleuchtetsten gehören, von denen einer ahnend vorausnahm, was wir uns heute vor die Seele gestellt haben. Goethe sagte einmal: Ich möchte mit Lorenzo von Medici sagen, daß die auch schon für dieses Leben tot sind, die auf ein anderes nicht hoffen. Mit diesen Worten fühlt sich die Geisteswissenschaft so im Einklange, daß sie weiß: Die Seele muß aufnehmen, was ihr werden kann, indem sie auf dasjenige hinblickt, was ihr außer und nach dem Leben im Leibe werden kann. Wie der Pflanzenkeim nur dadurch eine Berechtigung hat, daß er einem neuen Pflanzenleben entgegenlebt, so ist auch dasjenige, dem wir mit unserer Seele entgegenleben, nicht das, was wir schon in uns haben, sondern das, was wir erhoffen können. Am stärksten beweist sich die Unsterblichkeit dadurch, daß wir nur hinschauen brauchen auf die Kräfte, von welchen wir leben; denn wir leben von den Kräften, die wir uns als die unsterblichen Kräfte erhoffen können. Ja, die Geisteswissenschaft führt uns zu der unser ganzes Leben durchleuchtenden und durchdringenden Grundempfindung, die Goethe so schön mit den eben angeführten Worten ausgesprochen hat. Die Geisteswissenschaft sagt uns, beweist uns und belegt uns das Gefühl dafür, daß derjenige schon für das Leben im Leibe tot ist, der auf das Leben im Geiste und auf das, was die Seele dem Geiste nach für die ganze Welt ist, nicht hoffen kann!

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