Geisteswissenschaft als Lebensgut

GA 63/1914-04-23/p009 ·1914-04-23 · original (original)
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Wenn wir dies bedenken, daß die Seele zu den Stufen der geistigen Erkenntnis, die ich dargestellt habe in meiner «Geheimwissenschaft» und in «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» als die Stufen des imaginativen, des inspirierten und des intuitiven Erkennens, nur aufsteigen kann, indem sie fortdauernd innere Tätigkeit entfaltet, dann werden wir einsehen, daß die geisteswissenschaftliche Forschung den Menschen nur Erkenntnisse überliefern kann, die auch eine besondere Art des Verständnisses notwendig machen. Ich habe schon wiederholt darauf hingewiesen, daß man, um zu verstehen, was der Geistesforscher in den geistigen Welten erkundet, nicht selber Geistesforscher zu sein braucht, obwohl die genannten Bücher zeigen, daß in unserer Zeit bis zu einem gewissen Grade jeder ein Geistesforscher werden kann. Denn es gibt in jeder Seele eine unmittelbare, geheime Sprache, durch die sie verstehen kann, was der Geistesforscher sagt, auch wenn sie nicht selbst geistesforscherisch tätig sein kann, wie man ein Bild verstehen kann, auch wenn man nicht Maler ist. Aber auch zu diesem Verständnis muß sich die Seele des Menschen der Gegenwart erst hindurchringen; denn nichts ist dem Menschen der Gegenwart näherliegend als zu sagen: Die Wahrheit muß an mich herankommen; ich muß mich passiv zu ihr verhalten, sie muß mir gegeben werden! Man fühlt sich förmlich unsicher, wenn man erst etwas tun soll, wenn man die Seele erst heranbilden soll, um die Wahrheit zu erkennen. Daher kann dem Geistesforscher sehr leicht entgegengehalten werden: Du stellst Wahrheitsbegriffe auf, die nicht so sind, wie die Wahrheitsbegriffe des äußeren Lebens oder der äußeren Wissenschaft; und diese Wahrheitsbegriffe sagen: ich glaube, was mir durch die Tatsachen bekräftigt ist, was ich mir sozusagen offenbaren lasse durch die Tatsachen.

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