Geisteswissenschaft als Lebensgut
Wie ist doch bei dem materialistischen Sinn der Menschen gerade das, was ihnen gut ist in gesundheitlicher oder in lebensförderlicher Beziehung, allmählich zu einem bloßen trockenen Wissen geworden! Nicht um etwas zu beweisen, sondern nur um etwas zu erläutern, möchte ich darauf hinweisen, wie wir die Heilinstinkte — die Empfindung für das, was dem Organismus gut tut — bei den Tieren beobachten können. Beim Menschen aber können wir, hervorgerufen durch die Tätigkeitskräfte, die an Gehirn und Nervensystem gebunden sind, die Tendenz finden, sich von dem gesunden Leben immer mehr zu entfernen, und dadurch würde er in bezug auf das, was ihm gut tut, zuletzt alles in äußeres, trockenes Wissen verwandeln wollen. Man sieht heute schon Menschen, die nicht mehr ganz ihren Instinkt entwickeln können, der ihnen beim Essen sagt: jetzt hast du genug, sondern die neben ihrem Teller eine Waage stehen haben und nun wiegen, wieviel das Stück Fleisch wiegt, das sie essen dürfen. Das ist nur etwas radikal ausgedrückt; aber wer die Dinge verfolgt, wird sehen, wie sich die Lebensempfindungen allmählich immer mehr in ein abgesondertes abstraktes Wissen verwandeln. Das drückt sich auch darin aus, daß die Menschen in bezug auf ihr Gesundsein und Kranksein gar nicht mehr aus sich selbst, aus ihrem Gefühl heraus handeln können, sondern die Sorge dafür einem andern übergeben möchten.