Geisteswissenschaft als Lebensgut

GA 63/1914-04-23/p036 ·1914-04-23 · original (original)
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Es soll hier nicht über Wahrheit und Irrtum im Spiritismus gesprochen werden. Er enthält gewiß manches Körnchen Wahrheit, nicht nur Irrtum oder Schwindel und dergleichen. Darauf möchte ich nur hinweisen, daß die, welche auf dem Boden einer materialistischen Weltanschauung stehen, diesen Spiritismus scheinbar nicht billigen. Wenn man so über ihn denkt mit einem Denken, das sich nicht innerlich belebt, dann wird man nur sagen können, daß die materialistische Weltanschauung gleich ferne steht dem Spiritismus wie der Geisteswissenschaft. Wenn man aber wirklich hineinschaut in das Werden der Welt, dann weiß man etwas ganz anderes. Dann weiß man, daß der Hunger der Seele nach geistigem Lebensgut nicht erstickt werden kann, und daß die Materialisten es sind, welche den Spiritismus hervorbringen! Man bekämpft von materialistischer Seite die Geisteswissenschaft. Aber man wird sehen, daß überall da, wo es gelingt die Geisteswissenschaft nicht hochkommen zu lassen, die spiritistischen Vereine und Zirkel sich bilden! Die Väter des Spiritismus sind die Philosophen und materialistischen Weltanschauungsleute. Mit einem Denken, das nur abstrakt denkt, durchschaut man diesen Zusammenhang nicht. Da macht man denselben Denkfehler wie der, welcher sagt: Ich habe vor, einen recht guten Sohn aus dem Kinde zu bilden, das jetzt geboren worden ist; ich mache mir alles dazu zurecht. Aber der Sohn wird durchaus nicht immer so, wie der Vater es sich gedacht hat; er kann unter Umständen ein recht schlimmer Balg werden. Was sich die Materialisten für Vorstellungen machen über die Weltenzusammenhänge, das hat mit dem lebendigen Leben nichts zu tun. Und so kann es kommen, daß sie den «Sohn» erzeugen, den Balg, den sie selber als solchen Sohn nicht kennen. Denn der Spiritismus ist der Sohn des Materialismus. Warum ist das so? Weil der Appetit der Seele nach geistigem Leben den Hunger nicht stillen kann, und es schließlich dahin kommt, wie es der Physiker oder Chemiker macht, wo die äußeren Ereignisse des Lebens vorgeführt werden, wo ohne inneres Mittun der «Geist» vorgeführt werden soll. Das ist bequemer, als in jedem Momente, wo man zum Geist aufsteigen soll, sich innerlich anstrengen zu müssen. Aber das ist auch nichts anderes als ein Suchen nach demselben Weltbild, das der Materialismus hervorbringt. — Ich will das nur als ein Beispiel dafür anführen, wie sich ein abstraktes Denken hereinstellt in das Leben. Ein solches Denken wird selbstverständlich glauben, daß der Materialismus nicht den Spiritismus erzeugen kann. Wie sollte er auch! Ein Denken dagegen, das innere Schlag- und Tragkraft hat in der Sphäre der Wahrheit, wird in ganz anderem Sinne die Welt durchschauen, und durch solches Denken wird sich der Mensch ganz anders in die Welt hineinstellen können als durch ein abstraktes, totes Denken, das auch nur ein «Homunkulismus» ist, wie es das letzte Mal ausgeführt wurde.

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Cite: GA 63/1914-04-23/p036 · edition original