Geisteswissenschaft als Lebensgut
Ich will das nur erwähnen, weil durch den Bau dieser Hochschule für Geisteswissenschaft auch jetzt da oder dort mehr Gegner gegen die Geisteswissenschaft auftauchen, und weil es ein äußeres Zeichen dafür sein kann, wie die Geisteswissenschaft doch schon Verständnis findet, daß an den Bau dieser Hochschule geschritten werden konnte, auf daß ein solches künstlerisches Wahrzeichen für das, was die Geisteswissenschaft will, in der Welt da sein kann. Diejenigen allerdings, die durchaus Gegner der Geisteswissenschaft sein wollen, bringen immer das vor, daß sie sagen: Wer sind sie denn, diese Anhänger der Geisteswissenschaft? Urteilslose Menschen! Menschen, die auf Glauben oder Autorität leicht hinhören! Aber gewöhnlich sind diese Leute, die so reden, Menschen, die recht gern haben möchten, daß man auf ihre Autorität oder auf das, was sie als Autorität ansehen, hinhören! Und weil die Bekenner der Geisteswissenschaft das nicht tun, sondern es bis zu einer gewissen Vorurteilslosigkeit, auf die allein in der Geisteswissenschaft gerechnet wird, gebracht haben, deshalb sind jene Leute Gegner. Vorurteilslosigkeit, frei sein von den Vorurteilen einer materialistisch gefärbten oder sonstwie dogmatischen Weltanschauung wird aber notwendig sein, wenn man der Geisteswissenschaft Verständnis entgegenbringen will. Und mit diesem Verständnis wird man hereinrufen in die Seele die Lebensgüter auf moralischem, auf dem Erkenntnis- und auf dem Willensgebiete, wie es heute angedeutet wurde, bei denen, die sich wirklich intimer auf diese Geisteswissenschaft einlassen. Wer aber ihr lebendiges Leben verspürt und erfaßt, dem wird immer mehr eines klar werden: Diese Geisteswissenschaft ist verbunden mit dem, was der Zukunft der Menschheit notwendiges neues Lebensblut, geistiges Lebensblut geben muß. Mag auch das, was mit dieser Geisteswissenschaft zusammenhängt, manche Kinderkrankheiten hervorrufen — so wie sie hier gemeint ist, steht ja diese Geisteswissenschaft durchaus im Anfange ihres Wirkens -; es soll in keiner Weise alles gerechtfertigt werden, was sich zeigt, wo man glaubt, sie walte richtig. Eines darf vielleicht gerade heute, wo mit diesem Vortrage diese Winterserie abgeschlossen wird, am Schlusse ausgesprochen werden. Irgend etwas, was von außen her dazu verlockt, was uns in der gleichen Weise innerlich zum Vertreten der Geisteswissenschaft führen könnte, so wie man zu anderen Geistesströmungen geführt wird — das ist es eigentlich nicht, was dem Geistesforscher die Worte auf die Lippen drängt, was ihn den Versuch machen läßt, diese Geisteswissenschaft an die Mitmenschen heranzubringen; sondern einzig und allein die Erkenntnis: daß mit dieser Geisteswissenschaft die echten, die wahren und fruchtbaren Lebensgüter, nach denen jede Seele, die sich selbst verstehen will, hungern muß, in diese Menschenseele einziehen könnten, und daß diese menschliche Seele, auch wenn sie es heute noch nicht weiß, darnach lechzt, daß sie diese Lebensgüter haben muß, wenn sie nicht veröden soll. Dies ist die Empfindung, die sich dem Vertreter der Geisteswissenschaft aufdrängt, die in ihm lebt, indem er sie vertritt. Und mit diesem Bekenntnis möchte ich diese Wintervorträge also schließen: