6. Geist-Erkenntnis in glücklichen und ernsten Stunden des Lebens
Nun müssen wir allerdings berücksichtigen, daß die Menschheitsentwickelung in einem steten Fortschritt ist, daß Epoche nach Epoche in dieser Menschheitsentwickelung aufeinander folgen, daß immer neue und neue Erfahrungen in diese Menschheitsentwickelung eintreten, und daß daher auch die Seele in den verschiedenen Epochen der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit Verschiedenes erfahren muß — und nach ihren Erfahrungen in verschiedener Weise auch mit ihren Lebensempfindungen und mit ihrem Daseinsgefühl sich zu dem ganzen Leben stellen muß. Daher ist es, daß der Mensch der Gegenwart ein anderes Verhältnis zur Welt braucht, als dasjenige war, welches in abgelebten Zeiten die Menschenseele zur Welt haben konnte, um innerliche Befriedigung, Ruhe im Daseinsstrome zu finden. Nun zeigt uns die Geisteswissenschaft, daß in den Menschenseelen der Gegenwart eine gewisse Summe, eine Art Fonds von Kräften geistigquellenden Lebens ruht, die herauswollen aus dieser Menschenseele, so herauswollen, daß sie nicht in der Seele verborgen bleiben, sondern vor das menschliche Bewußtsein hintreten, so daß der Mensch sie nicht nur wie einen inneren Drang, wie eine innere Pressung fühlt, sondern sie hinstellen kann in seine Vorstellungswelt, in seine Ideenwelt. Denn mit welcher Gesinnung spricht eigentlich die Geisteswissenschaft zu den Menschen? Nicht so spricht sie, als wenn sie Kunde bringen wollte aus fremden Gebieten des Daseins, gleichsam aus unbekannten Ländern, sondern sie spricht von der Gesinnung aus, daß sie im Grunde genommen zu jeder Seele nur dasjenige sagen will, was in den Tiefen dieser Seele selbst ruht. Und der Geistesforscher ist im Grunde genommen davon überzeugt, daß in allen, allen Menschen dasjenige vorhanden ist, was er nur in Worte zu kleiden, in äußere Begriffe und Ideen zu bringen versucht, daß er den Menschen gar nichts anderes zu sagen hat, als was sie schon in sich tragen. Die ganze Geisteswissenschaft, wenn sie mit rechter Gesinnung vom Geistesforscher vor die Menschheit gebracht wird, will nichts anderes geben, als was im tiefen Grunde einer jeden Menschenseele ist; nur eine Aufforderung an die Menschenseele ist diese Geisteswissenschaft, dasjenige aus sich herauszuholen, was auf dem Grunde einer jeden Seele ruht.