6. Geist-Erkenntnis in glücklichen und ernsten Stunden des Lebens
Wie Epidemien kann über ganze Menschenmassen diese Sucht hereinbrechen, sich zu betäuben in dem, was außerhalb ergriffen wird, weil man in seinem Ich nicht bleiben will. Aber der Mensch findet nur seine Richtung, seine Sicherheit im Leben, wenn er nicht nur in seinem Ich zu bleiben vermag, sondern wenn er sein Ich hineinzutragen versteht in alles Glück, in alles Leid, in alle Erfolge, in alle Mißerfolge. Die Festigung dieses Ich, die innere Sicherung und Durchkraftung des Ich erlangen wir, wenn wir: hervorholen, was das Ich unsicher macht. Und unsicher macht es die in den dunklen Regionen der Seele unten bleibende Erkenntnis der geistigen Welt, die da unten ruht und sich wie ein schaukelnder Kahn gestaltet,. solange sie unten in den Tiefen der Seele ist, die aber Sicherheit im Leben gibt, wenn sie gleichsam an einem anderen Ort — in das Bewußtsein — heraufgeholt wird. Und es zeigt sich das Seltsame, daß wir auf die Frage: Warum suchen wir Geisteswissenschaft? nicht antworten können: «Um uns an dieser Geisteswissenschaft zu befriedigen, um die Freude der Erhebung an dieser Geisteswissenschaft zu haben»; sondern darum müssen wir diese Erkenntnisfähigkeit ins Bewußtsein heraufholen, weil wir sie in unserem Unterbewußtsein schon haben, aber weil sie dort nicht bleiben darf. Und je mehr wir uns anstrengen, Erkenntnisse über die geistige Welt in uns zu haben, desto mehr werden wir finden, daß — ob uns nun diese geistige Erkenntnis Freude oder Leid bereitet — aus unserm Inneren etwas anderes wird. Denn es ist leicht vorzustellen, daß, während dieses unbewußte Innere sonst erfüllt ist von den Kräften, die als Geisteswissenschaft hervorkommen können, dieses unser unterbewußtes Innere leer wird in dem Maße, als wir uns bewußt durchdringen mit dem, was uns die Geisteswissenschaft zu geben vermag. Es ist wirklich der Vergleich berechtigt, wenn wir sagen: Es ist, wie wenn wir aus einer Luftpumpe die Luft herauspumpen wollen: Wir machen den Raum des Rezipienten leer, und andere Luft kann in ihn hinein. So kann Anderes in unsere Seele hinein, wenn wir sie leer machen von dem, was wir in unser Bewußtsein heraufholen.