{"corpus":"steiner","locus":"GA 64/1915-01-15/p034","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wenn wir hinaufsehen würden in die geistigen Welten nur mit demjenigen, was unser physisches Anschauen gibt, so würde uns keine Antwort auf diese Frage. Wenn wir aber in Einheit zusammenzufassen wissen zu einer Lebenskraft die Weltanschauungen der geistigen und der physischen Welt, dann schauen wir in die geistige Welt hinein, und dann wissen wir, daß diese Kräfte nicht verloren sind, daß sie durch das Dasein strömen, und daß für künftige Zeiten, für ganze Generationen, für ganze Epochen diejenigen ihre Kräfte hingegeben haben, die frühzeitig jetzt durch die Pforte des Todes gegangen sind. Und vereinigt mit diesen Kräften werden wir in Zukunft das Erdenwirken schauen, die geistige Welt sich in Einheit zusammenschließend mit der physischen, werden ein neues Verständnis dafür gewinnen, wie in unseren leeren, durch Geist-Erkenntnis leer gewordenen Seelen die Kräfte einfließen, die scheinbar jetzt verloren sind. Die Menschen der durch Geist-Erkenntnis gestärkten Zukunft werden durch diese Geist-Erkenntnis die Möglichkeit haben, nicht verloren sein zu lassen die scheinbar jetzt verlorenen Kräfte. Sondern die verlorenen Kräfte werden fortwirken im Zeitengeschehen; und in dem, was die Menschen in künftigen Tagen tun werden, wird leben an Kräften, was auf den Schlachtfeldern der heutigen Zeit durch die Todespforte geströmt ist — aber bewußt, nicht wie frühere Zeiten unbewußt. Unbewußt haben dieses Dasein ihrer Verstorbenen die Völker in früheren Zeiten gehabt, solange die Völker Reste des alten Hellsehens noch gehabt haben. Merkwürdig kann es uns berühren, wenn wir hören, wie im Jahre 378 die Goten zum Kampf gegen die Römer zogen: während zu Beginn der Schlacht auf römischer Seite ein unartikuliertes Geschrei erscholl, stimmten die Goten Schlachtenlieder an, in denen sie sangen für den Ruhm und die Ehre ihrer unsichtbaren Toten. Bewußt haben sie sich geführt gesehen von ihren Toten; Verständnis haben sie gehabt für das ewige Fortwirken des Unsichtbaren. Dieses Verständnis wird die Menschheit wiedergewinnen — jetzt aber auf bewußte Weise; und durch dieses Verständnis wird auch, ausgebreitet in diesem ganzen großen Leben, Sicherheit und Lebensertragsamkeit sich entwickeln. Indem also die Seelen der Mütter, der Väter, der Brüder, der Schwestern, aller der Übriggebliebenen in der physischen Welt zu denen hinblicken werden, die ihnen in ihrem Schmerz entrissen worden sind, werden sie hinblicken als zu wahrhaft Lebendigen, als zu solchen, die aus den Engen ihres leiblichen Daseins ihre Kräfte ausgegossen haben in das allgemeine Menschheitsdasein; und unverloren werden die Toten sein, weil man sie empfinden wird als im allgemeinen Menschendasein lebendig Fortlebende. Ein solches wird die Geisteswissenschaft auch in der einfachsten Menschenseele wirken können. Denn Geisteswissenschaft ist ein Lebenselixier; Geisteswissenschaft ist richtunggebend für das Leben und harmonisierend für die Seele; Geisteswissenschaft ist dasjenige, was uns haltend, uns in Freude und Leid, in Erfolge und Mißerfolge, in Glück und Unglück hineinzutragen vermag, weil sie uns aus dem Göttlichen dasjenige zu geben vermag, wofür wir unsere Seelen leer gemacht haben. Seelen, die sich durch Geist-Erkenntnis leer gemacht haben, sie werden auch leer sein für das Einfließen dessen, was von den durch die Todespforte gegangenen Geistern — der Gefallenen — in diese Menschenseelen und Menschenherzen hineinströmen kann. Nur Seelen, welche ihr Inneres nicht also leer gemacht haben, werden sich verlieren müssen in Schmerz und in Leid, das die großen Ereignisse der Gegenwart so vielen einzelnen bereiten müssen. Menschen aber, welche durch die Geist-Erkenntnis gestärkt hindurchgehen, werden finden, daß ihrer leergewordenen Seele von den Göttern wiederum zurückgegeben wird, was ihnen leiblich die Erde genommen hat. Sie werden verstehen die Sprache des Geistes, der nach dem Tode lebendig zu ihnen spricht, wenn sie haben aufhören müssen, hinzuhören mit dem physischen Ohr auf die liebe Sprache des teuren Angehörigen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"6. Geist-Erkenntnis in glücklichen und ernsten Stunden des Lebens","site_heading":null,"date":"1915-01-15","location":null,"word_count":588,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/64/1915-01-15/p034","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/64/1915-01-15/p034"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/64/1915-01-15/p034","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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