8. Was ist am Menschenwesen sterblich?
Für die Geisteswissenschaft ist aber diese rein philosophische, auf Begriffe und Vorstellungen der äußeren Welt sich stützende Anschauungsweise von vornherein etwas — verzeihen Sie den etwas trivialen Vergleich -, es ist diese, rein auf Vernunftgründen, wie man oftmals sagt, bauende Philosophie etwas, was ebensowenig zu wirklichen Ergebnissen über das geistige Leben kommen kann, ebensowenig den Geist hereinbekommen kann in die menschliche Erkenntnis, wie der Mensch sich ernähren kann dadurch, daß er sich selber ißt. Geradeso wie der Ernährungsprozeß ergreifen muß irgend etwas, was außerhalb seines Gefüges steht, wenn er der menschlichen oder der tierischen Organisation dienen will, so muß das menschliche Erkennen etwas ergreifen, was außerhalb der bloßen Begriffs- und Ideenverbindung und Ideenverkettung liegt, wenn die wahren Erkenntnisbedürfnisse des Menschen befriedigt werden sollen. Gerade da, wo der Materialismus in gewisser Weise, ich möchte sagen, am krassesten, aber auch am ehrlichsten hervorgetreten ist, bei David Friedrich Strauß’ «Alter und Neuer Glaube», haben wir ein Beispiel für die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, wie dieser Materialismus in seiner strengen Logik zwar fortzuschreiten vermag von Schlußfolgerung zu Schlußfolgerung, wie er aber deshalb, weil es ihm unmöglich ist, auf eine geistige Wirklichkeit wirklich. einzugehen, sich dennoch in Widersprüche verwickelt, die zwar nicht bemerkt werden von dieser materialistischen Weltanschauung selbst, die aber bemerkt werden von demjenigen, der sich geschult hat zu einer gewissen Universalität des Denkens. In seinem Buche «Alter und neuer Glaube» bringt also David Friedrich Strauß unter den mancherlei Beweisen über die menschliche Unsterblichkeit, die er da abkanzeln will, auch den Goetheschen Gedanken von der Unsterblichkeit. Er greift diesen Gedanken auf und benimmt sich dabei ganz merkwürdig. David Friedrich Strauß gesteht zwar zu, daß Goethes Unsterblichkeitsgedanke etwas Heroisches habe, aber er kanzelt dann doch dieses Heroische ab — man möchte das Wort gebrauchen, das Nietzsche für David Friedrich Strauß geprägt hat — wie ein rechter Philister. Goethe hat nicht einen, sondern viele Aussprüche über die menschliche Unsterblichkeit getan. Für Strauß kommt nur der eine, den ich jetzt erwähnen will, in Betracht.