8. Was ist am Menschenwesen sterblich?

GA 64/1915-02-26/p016 ·1915-02-26 · original (original)
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Da muß ich anknüpfen an dasjenige, was ich in einem der Vorträge dieses Winters schon gesagt habe über die Entwickelung der eben angedeuteten menschlichen Fähigkeiten zur geisteswissenschaftlichen Forschung, um auszuführen, inwiefern gefunden und nicht gefunden werden kann im Denken, Fühlen und Wollen dasjenige, was das Sterbliche im Menschen von dem Unsterblichen unterscheiden läßt. Als einer der Wege in die geistige Welt hinein wurde ja hier oft bezeichnet dasjenige, was man die Konzentration des Gedankenlebens, des Denkens nennt. Nur kurz will ich darauf aufmerksam machen, worin diese Konzentration besteht und wozu sie führt. Wenn wir irgendeinen Gedanken, am besten einen solchen, den wir uns selbst gebildet haben, also nicht einen Gedanken, den die äußere Welt in uns anregt, — wenn wir einen solchen von uns selbst gebildeten Gedanken in den Horizont unseres Bewußtseins hineinstellen, wenn wir alles dasjenige vergessen, was um uns und was sonst in uns lebt, und nur eins werden mit diesem einen Gedanken, wenn wir eine gewisse Zeit ganz in diesem einen Gedanken nur leben können, dann können wir alles dasjenige, was wir an Seelenkräften sonst auf die gesamte Betätigung des Menschen verwenden, auf diesen einen Gedanken hinwerfen, dann wird der immer stärker und stärker gemacht; dann fließt unser ganzes Wesen mit diesem Gedanken zusammen, wir konzentrieren uns auf diesen Gedanken. Dieses Erlebnis tritt ein als die Folge der geisteswissenschaftlichen Erfahrung, die aber dadurch herbeigeführt wird, daß man nicht müde wird, immer wieder und wiederum einen Gedanken in den Mittelpunkt seines Bewußtseins zu stellen und sich ganz mit ihm zu identifizieren. Denn man muß oft jahrelang diese innere Energie und Ausdauer, diese gespannte Aufmerksamkeit auf einen Gedanken verwenden. Wenn man auch der Vorsicht halber sagt, man darf diese Sache nicht übertreiben, so muß doch eine kurze Zeit täglich einer solchen Übung gewidmet sein, wenn man aber je nach seinen Anlagen, je nach dem, wie das Gefüge der Seele nach dem Erlebnis des Menschen ist, sich einer solchen Übung hingegeben hat, bekommt man eine gewisse Erfahrung, man kommt in ein gewisses Erlebnis hinein. Bis zu einem gewissen Punkt verstärkt sich dieser innerlich konzentrierte Gedanke; er wird immer heller und heller; der eine Gedanke ergreift uns immer mehr und mehr, nimmt uns immer mehr und mehr in Anspruch, und wir fühlen uns, indem wir uns konzentriert haben, so, daß wir vergessen können die Welt, wir fühlen uns immer stärker und stärker drinnen in diesem Gedanken. Aber gerade wenn wir uns stark fühlen in diesem Gedanken, fühlen wir zugleich, wie dieser Gedanke uns gleichsam entschwindet, und wie mit diesem Gedanken die Kraft, unser Denken in dieser Weise anzuwenden, gleichsam erstirbt. Wir fühlen uns mit diesem Gedanken so, wie wenn der Gedanke und damit wir selbst von Mächten, die um uns herum leben, hingenommen würden; wie wenn unser Denken sich uns verdunkelte von einem gewissen Momente ab. Das alles muß selbstverständlich durchaus ein seelischer Prozeß bleiben, dann allein ist er ein gesunder Prozeß. Es ist heute nicht die Zeit dazu, zu erwähnen, daß alle Einwände, die von der Pathologie, von der Psychopathologie gemacht werden, das Richtige durchaus nicht treffen, wenn sie sagen, daß der Mensch sich auf diese Weise in Illusionen und Selbstsuggestionen hineinarbeiten würde, daß er zu Vorstellungen kommen müsse, die krankhafter Natur seien. Man braucht nur die betreffenden Kapitel meines Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» zu lesen, dann wird man sehen, daß der Weg, der hier gekennzeichnet worden ist, gerade der gesündeste Seelenweg ist, wenn er eben richtig beschritten wird. Man fühlt dann, wenn der Moment herbeigekommen ist, wie eine um uns liegende geistige Macht uns gleichsam den Gedanken entreißt und in uns ihn ersterben läßt; man fühlt dann dasjenige, was die Seele durchmachen muß, um den Weg ins Geistige zu finden. Man fühlt, wie wenn man geistig — auch das wurde hier schon angedeutet — den Boden unter den Füßen verlieren würde. Man fühlt, wie wenn man in einer gewissen Weise mit dem Nichts Bekanntschaft geschlossen hätte. Und es kann den Menschen leicht ein Zustand überkommen, der sich vergleichen läßt mit einer grenzenlosen Furcht. Aber gerade ein solcher Zustand ist geeignet, gewisse Kräfte, die sonst im Menschen unentwickelt bleiben, aus seiner Seele hervorzuholen. Denn in der Überwindung solcher Zustände, die ich jetzt mit Furcht verglichen habe, und mancher anderen, die zu den Erfahrungen des Geistesforschers gehören, werden tiefe Kräfte der Seele, die sonst unentfaltet bleiben, entfaltet, und darin liegt jene Erstarkung des inneren Seelenlebens, durch die allein der Mensch den Weg in die geistigen Welten hinein finden kann.

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