8. Was ist am Menschenwesen sterblich?

GA 64/1915-02-26/p018 ·1915-02-26 · original (original)
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Eine Meditation ist auch hier schon angedeutet worden, — eine Meditation über etwas, wovon wir gewohntermaßen als von etwas sprechen, was außerhalb des Menschen ist, von dem wir aber, wenn wir nur das einzelne Menschenleben anschauen, sehen können, wie innig es mit dem Menschen verknüpft ist. Wenn wir hinblicken auf dasjenige, was wir in diesem Leben zwischen der Geburt und unserem jetzigen Lebenspunkt durchlebt haben und was wir als unser Schicksal zusammenfassen, dann sind wir gewohnt zu sagen: dieser oder jener Schicksalsschlag hat uns da oder dort getroffen. Aber bei einer genaueren Überlegung kann es sich schon für das gewöhnliche Leben zeigen, wie einseitig ein solcher Ausspruch ist. Wenn man sich prüft: Was bist du denn heute? Was kannst du heute? Welche Fähigkeiten trägt deine Seele? — dann müssen wir hinblicken auf dasjenige, was wir durchgemacht haben. Wir suchen meistens den Zusammenhang nicht; suchen wir ihn aber, so klärt er uns auf, was wir eigentlich im gegenwärtigen Moment sind. Er klärt uns auf darüber, wie wir diese oder jene Fähigkeiten nicht haben würden, wenn uns dieser oder jener Schicksalsschlag, Schicksalszufall vor zwanzig oder dreißig Jahren oder mehr nicht getroffen und uns hingelenkt hätte, uns diese Fähigkeiten anzueignen. Hätten wir sie aber nicht, so würde unser Selbst im Konkreten etwas ganz anderes sein. Wir bestehen ja mit unserem Selbst aus unseren Fähigkeiten, unseren Kräften. Sie werden aber uns zugetragen durch dasjenige, was unser Schicksal ist. Wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, dann sagt man sich: Wir sind viel inniger verbunden mit dem, was unser Schicksal ist, als man gewöhnlich glaubt. Man wächst in sein Schicksal hinein mit dem Intimsten, mit dem Ich. Und man kommt endlich zu dem Gedanken: Im Grunde genommen ist dein Selbst dadurch geworden, daß dir diese oder jene Schicksalsschläge, die guten oder die schlimmen, zugestoßen sind; aber du bist aus ihnen geworden. Das, was du jetzt bist, lag in deinem Schicksal. Unser Ich geht aus uns hinaus, geht in unser Schicksal herein. Wenn man in einer solchen Weise wirklich dasjenige, was man gewöhnlich Schicksal nennt, durchfühlen lernt, wenn man sich wirklich vollständig damit verbindet, so gelangt man dazu, jetzt nicht das Denken, wohl aber den Willen auf das ganze Schicksal auszudehnen und sich zu sagen: Wenn du dich erkennen willst, wie du jetzt bist, mußt du deinen Willen ausbilden. In bezug auf deinen gesamten Schicksalszustand mußt du dir sagen: Du bist, der du jetzt bist, weil dein Ich zu dem geworden ist, was es jetzt ist. Wir sind in dem Schicksal voll drinnen. Das heißt: Wir verstehen, daß wir uns, wenn wir uns jetzt wollen, in unserem Schicksal wollen müssen, mit anderen Worten: daß ich es selbst bin, der in dem Schicksal :waltet, webt und west.

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Cite: GA 64/1915-02-26/p018 · edition original