8. Was ist am Menschenwesen sterblich?
Wenn wir das gewöhnliche Denken, wie es angeregt wird durch die äußerlich-sinnliche Natur, wie es verläuft gebunden an den Prozeß unseres Gehirns, ins Auge fassen, dann ist es für denjenigen, der in dem eben angedeuteten Sinne geisteswissenschaftlich die Welt zu betrachten imstande ist, etwas, was durchaus nicht so, wie es sich uns im sterblichen Leibe darstellt, zu unserem Unsterblichen gehört. Das merkt man, wenn man in seiner wahren Wesenheit außerhalb des sterblichen Leibes steht. Denn dann merkt man: alles was dieser sterbliche, dieser physische Leib eigentlich ist — ich möchte einen Vergleich anwenden, der nicht bloß ein Vergleich ist, sondern der auf die Wahrheit hindeutet —, man erkennt: dieser physische Leib ist ein Spiegel, welcher imstande ist, dasjenige zu spiegeln, wovon der Mensch im gewöhnlichen Leben nichts weiß, wovon er nur wissen kann, wenn er es sich gleichsam herausschält aus dem Leiblichen, wovon er nur dann etwas weiß, wenn er in seinem Unsterblichen dem Leib gegenübersteht. Er weiß, daß der Leib nur ein Spiegel ist und daß die Gedanken in einem gleichen Verhältnis zum Leibe stehen wie die Spiegelbilder zum Beschauer. Geradeso, wie wenn man an der Wand eine Anzahl von Spiegeln hätte und vorüberginge an den Spiegeln und seine eigene Gestalt ansieht, solange man da ist, wie man sich aber nicht mehr sieht, wenn man nicht da ist, und wieder sieht, wenn man wieder da ist, — so sieht der Mensch dasjenige, wovon er zwar lebt, wovon er aber nichts weiß, wenn er im Leibe ist und ihm der Leib sein eigenes Wesen zurückwirft. Und nur so lange sind die Gedanken da in der Form, wie wir sie im gewöhnlichen Leben haben, als der sterbliche Leib sie spiegelt. Aber etwas anderes ist dasjenige, was denkt; etwas anderes ist es, was die unmittelbare Tätigkeit ausübt, die sich spiegelt als Gedanke im sterblichen Leibe.