8. Was ist am Menschenwesen sterblich?

GA 64/1915-02-26/p023 ·1915-02-26 · original (original)
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Man kann nicht, wenn man das menschliche Denken untersucht, sagen, man könne in diesem Denken etwas finden, was irgendeinen Aufschluss geben könnte über die Unsterblichkeit; denn diese Gedanken sind Spiegelbilder, die hervorgerufen werden durch den sterblichen Leib. Und das, was unsterblich ist, das steht jetzt nicht vor dem Spiegel, sondern spiegelt sich in den Gedankenformen. Was vor dem Spiegel steht, das heißt in unserem Falle in dem Spiegel lebt, was ist denn das? Gibt es eine Möglichkeit, überhaupt mit einer menschlichen Worte dies auszudrücken? Ja, die Möglichkeit gibt es. Aber dasjenige, was hier an diesem Punkte ausgedrückt werden soll, das beobachtet der Mensch nicht; denn er ist zufrieden, wenn er zur Orientierung in der Außenwelt seine Gedanken ergreifen kann, in seinen Gedanken leben kann. Daß in diesem Gedanken etwas lebt, was man als den Willen innerhalb der Gedanken zu bezeichnen hat, als den Willen, der da tätig ist, — das wird der Mensch gewöhnlich gar nicht gewahr, oder wenn er es gewahr wird, macht er eine Schlußfolgerung, wie es Schopenhauer getan hat. Dann hat er kein unmittelbares Anschauen, dann ergreift er sich nicht in diesem willentlichen Denken, im denkenden Wollen, in dem, was er ist, sondern in dem, was ihm dieses denkende Wollen gibt, nämlich in den Gedanken, die aber nur Spiegelbilder sind. Nur dann, wenn der Mensch es dazu gebracht hat, jene Vermählung zu vollziehen zwischen Denken und Wollen, wie ich es beschrieben habe, dann sind die Seelenkräfte so stark, daß alles Denken durchzogen erscheint von einer übersinnlichen menschlichen Wesenheit, die willensartiger Natur ist, aber so, daß sie ihre wahre, willensartige Natur zeigt, gespiegelt als Gedanken. So wahr es wirklich unser Antlitz ist, wenn wir uns im Spiegel sehen, so wahr spiegeln wir uns in unseren Gedanken; aber es ist nicht dasjenige, was wir sind, in diesem Spiegelbild. Das, was wir sind, das spiegelt sich eben so, daß wir niemals dem Leben nach, der Kraft nach, in dem Denken erfassen können, was hinter dem Denken steht und wovon das Denken nur eine Abspiegelung ist. So wenig wie das Spiegelbild länger dauert, als wir vor dem Spiegel stehen, so wenig dauert dieses Denken im materiellen Leib länger, als es angeregt wird durch das eigentliche Unsterbliche in uns, das sich in den Gedanken spiegelt.

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