8. Was ist am Menschenwesen sterblich?
Ein anderes zeigt sich uns bei dem gewöhnlichen Wollensprozeß, bei dem Prozeß, durch den wir unsere Handlungen begehen, unsere Glieder regen. Während wir im Denken nicht bemerken, daß als das Wesentliche darin das sich Spiegelnde hinter dem Denken steht, bemerken wir im Handeln, in den Aktionen, die wir vollbringen, nicht, daß hinter dem Willen des Menschen überall etwas ist, was ganz gleich ist unserer Gedankenwelt, ganz gleich ist demjenigen, was sich in den Gedanken spiegelt. Man hat nur deshalb so viel streiten können in der Philosophie über die Freiheit des Willens, weil der Mensch den Willen nicht kennenlernt, so wie er wirklich ist. Er lernt von dem Willen nur die Kraft kennen, aber nicht die in der Kraft wirklich darin webende lebendige Wesenheit. Und im Willen ist die lebendige Wesenheit gedanklicher Natur. Sehen Sie, so leise, so intim, so verborgen in der äußerlichen sinnlichen Welt ist dasjenige, was das eigentliche Unsterbliche im Menschen ist, daß sich im gedanklichen Prozeß das Gedankliche verbirgt, daß im Willensprozeß nicht einmal bemerkt wird, daß jeder kleinste Willensprozeß abhängig ist von dem, was sich im Gedanken spiegelt, was aber gar nicht bemerkt werden kann. Erst dann bemerkt man es, wenn man in der geschilderten Weise den Gang des Schicksals betrachtet; wenn man den Willen stärkt, so daß er vermählt wird, außer uns stehend, außer dem sterblichen Menschen, wie ich es geschildert habe, mit dem Gedanken. Dann merkt man, wie der Wille mit dem Gedanken vereint ist, dann merkt man die beiden Seiten, die uns im Leben immer getrennt entgegentreten als Gedanke und Wille, vereinigt; denn man hat sie erst zur Vermählung gebracht. Man lebt dann in einem Gedanken-Willensprozeß. Dann aber hat man erst dasjenige ergriffen, was über den Tod hinausgeht, was durch die Pforte des Todes geht. Und man kommt darauf, welchen Fehler, welchen ungeheuren Fehler diejenigen gemacht haben, die oftmals in rein philosophischer Weise über die Unsterblichkeit der menschlichen Seele nachgedacht haben. Diejenigen, die über diese Unsterblichkeit der menschlichen Seele nachgedacht haben, sie haben sich immer an etwas halten wollen, was doch in einer gewissen Weise ähnlich ist demjenigen, was in der Sinnlichkeit oder im sinnlichen Denken lebt. Man hat von einer Substanz der Seele gesprochen, hat nach etwas gesucht, was wiederum wie eine feine Materialität durch die Pforte des Todes geht. Daß man das Ewige im Menschen erfassen muß außerhalb des Leibes und daß man dazu ganz neue Begriffe und Vorstellungen braucht, die keine äußere Wahrnehmung, kein an das Gehirn gebundenes Denken geben kann, das wird der Menschheit durch die Geisteswissenschaft aufgehen. Daß gewissermaßen gerade in demjenigen, das nichts Ähnliches hat mit dem Sinnlichen, das Unsterbliche besteht, das ist es, was allmählich wird begriffen werden müssen.