8. Was ist am Menschenwesen sterblich?
Man wird das nur zugeben, wenn man die Natur des Geistigen schon begriffen hat. Denn selbstverständlich kann man von dem gegenwärtigen Stand der Naturwissenschaft aus leicht sagen: Ja, Bewegung verwandelt sich in Wärme, das zeigt uns die physikalische Forschung; warum sollten sich nicht die äußeren Vorgänge in uns in Empfindung und Denken verwandeln? — Gewiß, sie tun es sogar. Sie tun es dadurch, daß sie Prozesse hervorrufen, die der Spiegel sind, in dem sich unser Wesen spiegelt. Da kann man sagen: die Naturwissenschaft hat ganz recht. Dadurch, daß man sich voll auf den Boden der Naturwissenschaft stellt und nicht sie bekämpft, dann aber daneben die geistigen Erfahrungen geltend macht, — nur dadurch kommt man vorwärts. So könnte nun jemand sagen: Also sind die geistigen Prozesse eine Umwandlung der äußeren Prozesse. Wie Bewegung in Wärme, so verwandelt sich dasjenige, was außen in der Welt ist, in das, was in uns ist. Das war aber nur so lange geltend, solange man nicht nachweisen konnte, daß, wenn wir eine Bewegung in Wärme verwandeln, immer etwas zurückbleibt, das da ist, immer da ist. Das ist Wärme geblieben, ist nie etwas anderes als Wärme. Das zeigt sich demjenigen, der nun wirklich von außerhalb seines Leibes den körperlichen Prozeß verfolgt, der verfolgt, was der Leib eigentlich kann. Dem zeigt sich, daß zwar, wenn wir wahrnehmen in der Außenwelt, der Prozeß, der ausgebaut wird durch die Sinne und sich fortsetzt im Gehirn, eine Fortsetzung des Außenprozesses ist, daß das aber nicht richtig ist in bezug auf dasjenige, an das wir uns erinnern. Und gerade an diesem Punkt wird die immer weiter und weiter fortschreitende Naturwissenschaft geradezu zeigen, daß, indem hingelenkt wird die Aufmerksamkeit auf die körperlichen Prozesse, niemals aus den körperlichen Prozessen heraus irgendwie der Prozeß der Erinnerung, der ein rein geistiger Prozeß ist, entstehen könnte. Gerade auf streng naturwissenschaftliche Weise wird gezeigt werden können, daß nicht dasjenige, was körperlich in uns vorgeht, wenn wir uns erinnern, der geistige Prozeß ist oder mit demselben mehr zu tun hat, als die Federstriche auf dem Papier mit dem etwas zu tun haben, was ich lese. Indem ich ein Wort, das aus gewissen Strichen besteht, vor mir habe, lese ich nicht, indem ich das Wort anschaue und meine Gedanken nachzeichnen, sondern dadurch, daß ich mit diesem Zeichen einen Sinn verbinde durch etwas in mir, was mit dem auf dem Papier nichts zu tun hat. So wird man darauf kommen, daß der Erinnerungsprozeß, der sich im Körper abspielt, so wenig etwas zu tun hat mit den körperlichen Prozessen wie mein Leseprozeß mit den Formen auf dem Papier. Die Erinnerung wird sich als ein geistiger Prozeß darstellen, der sich in das physische Leben hineinstellt. Dann aber wird man auch erkennen, daß uns schon in das gewöhnliche physische Erdenleben zwischen Geburt und Tod die Wesenheit hineingestellt ist, die wir im höheren, intensiveren Sinne erfassen müssen, wenn wir auf das Unsterbliche hinschauen wollen. Wenn der Materialismus fragt: Was ist am Menschen sterblich? und darauf antwortet: Alles, was der Mensch hier in der Sinneswelt erfährt! —, so kann ihm auch die Geisteswissenschaft sagen: Ja, du hast recht; alles dasjenige, was der Mensch hier in der Sinneswelt erfährt, ist am Menschenwesen sterblich. Aber ebenso wie ein Ereignis in unserem physischen Leben vorbeigeht und wir uns in einem späteren Zeitpunkt rein durch das geistige Wesen unserer Seele erinnern, wie also dieses frühere Ereignis im geistigen Prozeß erhalten ist, so ist es mit unserem Seelischen. Solange wir nach einer «Seelensubstanz» suchen, sind wir nicht imstande, auch nur heranzurücken an dasjenige, was im Menschenwesen unsterblich ist. Sobald wir wissen, daß dasjenige, was in unserem gewöhnlichen sterblichen Menschen gar nicht beachtet wird, weil es ist, wie wenn ein Mensch vor einem Spiegel steht und nur sein Spiegelbild sieht, sich nur im Bilde kennt, — sobald wir wissen, daß das, was nicht beachtet wird im gewöhnlichen Leben, von dem wir nichts wissen im gewöhnlichen Leben, was wir nur wie im Bilde kennen, — daß gerade das nach unserem Tode die Erinnerung an das Erdenleben zurückbehält und darin lebt, können wir auch begreifen: Das, was wir hier sind, es geht als Tatsache, als dasjenige, als was es hier lebt, unter, es ist sterblich im Menschen. Dasjenige, was der Seele bleibt, der im Leben sich nicht kennenden Seele, das ist die Erinnerung, die sich hineinstellen wird in die Erlebnisse, die dann der Mensch in der rein geistigen Welt nach dem Tode durchmacht.